Das Siphnierschatzhaus in Delphi

In den großen panhellenischen Heiligtümern Olympia und Delphi errichteten viele griechische Stadtstaaten eigene Schatzhäuser, in denen die von ihnen gestifteten wertvollen Weihgeschenke aufbewahrt wurden. Viele dieser Schatzhäuser waren üppig mit bildlichem Schmuck verziert, der vom Ruhm und vom Reichtum der jeweiligen Polis Zeugnis ablegen sollte. Im Apollonheiligtum von Delphi wurden Reste von insgesamt 32 Schatzhäusern gefunden.

Rekonstruktion des Siphnierschatzhauses nach Hansen
Eines der prächtigsten unter ihnen ließen um 530 v. Chr. die Bürger der Kykladeninsel Siphnos errichten. Es hatte die Form eines ionischen Antentempels, wobei die beiden Säulen zwischen den Anten (vorgezogenen Mauerzungen) durch Mädchenfiguren in der Art spätarchaischer Korenstatuen ersetzt waren. Die Giebel waren mit figürlichen Hochreliefs dekoriert. Der aus parischem Marmor errichtete Bau war 8,37 m lang, 5,95 m breit und 6,74 m hoch. Besonders gut erhalten ist der reliefgeschmückte Fries, der die Außenseite des Baus unterhalb des Daches rings umzog. Er zeigt in vielfigurigen Darstellungen Szenen des griechischen Mythos: im Osten den Kampf um Troja, begleitet von einem lebhaften Dialog zwischen den im Olymp thronenden Göttern, im Norden die Schlacht zwischen Göttern und Giganten, im Westen das Urteil des Paris und im Süden eine nicht sicher gedeutete Szene mit Viergespannen. Für die Geschichte der spätarchaischen Plastik sind der Fries und der übrige Skulpturenschmuck des Siphnierschatzhauses nicht nur wegen ihrer hohen bildhauerischen Qualität, sondern auch wegen ihrer Datierung sehr wichtig. Das Schatzhaus kann nämlich schwerlich nach 525 v. Chr. errichtet worden sein, als die dank ihrer Gold- und Silberminen äußerst wohlhabende Insel Siphnos durch Flüchtlinge aus Samos gebrandschatzt wurde - ein Schlag, von dem sie sich nie wieder völlig erholte. Wie alle griechischen Marmorbauten und -skulpturen war auch das Schatzhaus der Siphnier in leuchtenden Farben bemalt.

Farbige Rekonstruktion des Nordfrieses mit Namensbeischriften nach Brinkmann
Die Figuren der Friese waren zudem durch Namensbeischriften erklärt, wie neuerdings durch Untersuchung mit Streiflicht und ultraviolettem Licht ermittelt werden konnte.