Caracalla (M. Aurelius Severus Antoninus) 211-217 n.Chr. und Geta (P. Septimius Geta) 211-212 n.Chr.
 
 
Caracalla, Typus 4. Paris, Louvre
Caracalla wurde als Sohn des Septimius Severus und der Julia Domna 186 n.Chr. in Lyon geboren. Angeblich hieß er ursprünglich Bassianus. Der Beginn seiner öffentlichen Laufbahn war in die Legitimationsbestrebungen des Septimius Severus eingebunden. Septimius Severus war 193 n.Chr. von seinen in Moesien stehenden Truppen zum Kaiser ausgerufen worden, hatte sich gegen mehrere Rivalen durchgesetzt, mit Clodius Albinus die Herrschaft vorläufig geteilt und sich als Legitimation auf Pertinax berufen. In dem Bemühen, Clodius Albinus auszuschalten, stellte sich Septimius Severus seit 195 n.Chr. als legitimen Nachfolger der Antoninendynastie dar. Im Zuge dieser Politik ernannte er 196 n.Chr. seinen Sohn zum Caesar und gab ihm den Namen der Antoninen M.Aurelius Antoninus. Nach dem Sieg über Clodius Albinus machte Septimius Severus 198 n.Chr. den Zwölfjährigen zum Mitherrscher (Augustus), der jüngere Sohn Geta wurde Caesar. 205 n.Chr. und 208 n.Chr. amtierten beide Brüder zugleich als Konsuln. 211 n.Chr. folgten die beiden Brüder dem Vater auf dem Thron, doch brachte Caracalla seinen Bruder 212 n.Chr. um. Die Anstößigkeit dieses Brudermordes wurde mit einer besonders gründlichen Vernichtung des Andenkens Getas bemäntelt. In der Folge war Caracalla in Abwehr- aber auch Angriffskriegen engagiert: er kämpfte im Rheingebiet, an der Donaus und schließlich im Osten wegen des alten Zankapfels Armenien. Auf diesem Feldzug ließ ihn sein Gardepräfekt Macrinus umbringen. Caracallas Andenken wurde zunächst geächtet, unter seinen Nachfolgern Elagabal und Alexander Severus aber rehabilitiert.
 
Von Caracalla sind vier Porträttypen bekannt. Sie unterscheiden sich so deutlich, dass ihr Einsetzen mit Hilfe der datierten Münzen genau bestimmt werden kann.
 
Caracalla, Typus 1. Slg. Wallmoden (Göttingen)
Marc Aurel, Typus 1. Rom, Musei Capitol.
Geta, Typus 1. München, Glyptothek
 
Ein erster Typus entstand 196 n.Chr. Unverkennbar ist das jugendlich-lockenköpfige Porträt dem des jungen Marc Aurel nachgebildet, hier vertreten durch einen Kopf in Rom. Das Exemplar dieses Caracallatypus in der Sammlung Wallmoden hat allerdings etwas verschobene Proportionen, weil es in der Antike recht ungeschickt aus einem älteren Porträt umgearbeitet wurde. Der Typus entstand zur gleichen Zeit wie ein Porträttypus des Septimius Severus, dessen Gestaltung sich an den letzten Porträttypus des Marc Aurel anlehnt. Die Porträts von Vater und Sohn sollten die behauptete Abstammung aus dem Hause der Antoninen vor Augen führen, die auch in Caracallas neuem Namen zum Ausdruck kam. Von diesem Typus gab es Neuauflagen mit erwachsener werdenden Proportionen.
 
Charakteristisch ist der Gegensatz zu dem etwa gleichzeitigen Porträt des jüngeren Bruders Geta, hier eine Replik in München. Geta wurde im Jahr 198 n.Chr. zum Caesar. In dem aus diesem Anlass geschaffenen Porträttypus hat auch Geta halblanges Haar, aber es ist weniger gelockt als das des Bruders und in keinem der erhaltenen Exemplare mit dem Bohrer gearbeitet. Locken und Bohrarbeit im Haar gehörten zum antoninischen Image des Porträts des jungen Caracalla.
 
Caracalla, Typus 2
Geta, Typus 2
 
Im Jahr 204 n.Chr. wurden für Caracalla und Geta neue Bildnistypen geschaffen. Beide trugen nun das kurzgeschorene Haar, das in der Folge im 3. Jahrhundert n.Chr. zur führenden Frisurenmode wurde. Merkwürdigerweise sind die Typen der beiden Brüder einander so ähnlich, dass man sie nicht zuverlässig auseinanderhalten kann. Für beide gab es verschiedene Neuauflagen, die das Älterwerden durch zunehmenden Bartwuchs anzeigten. Auch die Porträts aus dem Jahr der gemeinsamen Regierung 211/12 n.Chr. entsprechen diesen Typen und zeigen beide mit kurzem Vollbart.
 
Caracalla, Typus 3. Kopenhagen, NCG
Caracalla, Typus 3. Neapel, Mus. Naz.
 
Mit dem Gewinn der Alleinherrschaft 212 n.Chr. gestaltete Caracalla sein Porträt völlig neu. Der Kopf ist scharf zur linken Seite gewendet, und die Stirn des massiven Gesichts so kräftig zusammengezogen, dass der Betrachter schwanken kann, ob er in eine Miene höchster Anstrengung oder höchsten Zornes blickt. Caracalla trägt in diesem Porträt eine kurze Lockenfrisur und einen kurzgelockten Bart. Zu diesem Entwurf gehörte die Erfindung eines neuen kurzen Panzerbüstentypus, in dessen straff zur Seite gezogenem Mantel sich die starke Bewegung des Kopfes spiegelt.
 
Caracalla, Typus 4. Paris, Louvre
Für die Interpretation dieses merkwürdigen Porträts ist es wichtig zu sehen, dass der Kaiser die extreme Inszenierung seiner selbst schon nach wenigen Jahren wieder zurückgenommen hat. In einem 215 n.Chr. geschaffenen Typus wurden die Haltung des Kopfes und die Mimik des Gesichts beruhigt, und Caracalla trägt wieder das kurze Haar, das nun üblich wurde.
 
In einem vermutlich postumen Typus wurde die heftige Mimik des Typus von 212 n.Chr. wieder aufgenommen − man wüsste gern weshalb.
 
Die extreme Mimik des Porträttypus von 212 n.Chr. muss auch den Zeitgenossen aufgefallen sein. Das zeigen Bemerkungen in der antiken Literatur, die diese Mimik allerdings der Person zuschreiben. Der Zeitgenosse Dio Cassius berichtet, ein Spaßmacher habe gesagt, Caracalla sehe aus, als sei er wütend, weil er sich leidenschaftlich (thymoeidesteron) zu geben pflegte (Dio 78,11). Und in der spätantiken Historia Augusta heißt es, der Kaiser sei als Kind nett gewesen, später aber sei er 'restrictior, gravior, vultu etiam truculentior, ... im Gesichtsausdruck finster' geworden (SHA Caracalla 2,4).
 
Im Hintergrund der merkwürdigen Stilisierung muss vor allem die offenbar besonders ausgeprägte Neigung Caracallas zum Heer und zum Soldatenleben gestanden haben. Er war angeblich keine gute Führungspersönlichkeit, liebte es aber, das Leben der Soldaten zu teilen und wurde dafür von ihnen geliebt. Auch der schon antike Spitzname Caracalla leitet sich von einem bestimmten Soldatenmantel her, den er gern trug. In diesem Sinne könnte der Bildnistypus Kraft, Energie und Einsatzbereitschaft ausgedrückt haben. Ein Bekenntnis zum Heer wäre 212 n.Chr. sehr passend gewesen, denn nach dem Mord an seinem Bruder soll Caracalla sich dorthin geflüchtet haben, als seine Hauptstütze. Vielfach wird außerdem von Caracallas zunehmender Schwärmerei für Alexander d. Gr. berichtet. Er soll sogar Doppelhermen mit seinem Bildnis und dem des legendären Makedonen errichtet haben. Für einen Bezug auf Alexander d. Gr. im Porträt, wie ihn andere römische Kaiser gesucht haben, gibt es jedoch keinen Anhaltspunkt.
 
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Dio 78,11
SHA Caracalla