Memoria damnata − das Löschen des Andenkens einer Person
 
 
Alexander Severus. Bochum
Sturz einer Statue Saddam Husseins
Augustus, Typus Prima Porta. London, Brit. Mus.
 
Kaiser, die sich während ihrer Regierungszeit so unbeliebt gemacht hatten, dass ihre Absetzung allgemein als Befreiung angesehen wurde, hat man nach ihrem Tod auf Senatsbeschluss geächtet: Ihre Erlasse wurden für ungültig erklärt, ihre Namen aus Dokumenten und offiziellen Inschriften entfernt, ebenso ihre Bildnisse, soweit sie stellvertretende Funktion hatten, wie etwa an den Feldzeichen. Die Ehrenstatuen wurden dem Volkszorn preisgegeben, bzw. von den jeweiligen Auftraggebern in solche der nachfolgenden Herrscher umgewandelt.
 
Viele antike Quellen schildern diese Vorgänge. Die anschaulichste Beschreibung liefert Juvenal in seinem Bericht über die Zerstörung der Bronzestatuen des Seian. Sie wurden mit Seilen von ihren Sockeln gerissen, zerhackt, eingeschmolzen und dann "zu Kännchen, Kesseln, Tiegel und Nachttopf" verarbeitet (Juv. Sat. 10, 58−64).
 
Noch heute ist die emotionale Bewegung nachzufühlen, die zu solchen Zerstörungen führte. Die Standbilder von verhassten Potentaten der letzten Jahrzehnte, von Stalin bis Saddam Hussein, wurden ebenso im Zorn von ihren Sockeln geholt. Es ist bezeichnend, dass dabei Bilder entstanden, in denen die Demütigungen zum Ausdruck kommen, die der Skulptur stellvertretend für den Dargestellten zugefügt wurden: Der Kopf liegt im Straßenschmutz und wird bespuckt und mit Füßen getreten.
 
Alexander Severus. Bochum
Spuren solcher Zerstörungen finden sich an den antiken Kaiserporträts nicht selten, nur kamen solche beschädigten Porträts früher selten in Abgusssammlungen, die auf ansehnliche Stücke bedacht waren. Ein charakteristisches Beispiel ist der etwas provinzielle Bronzekopf des Alexander Severus, der 222−235 in den unruhigen Zeiten Kaiser war, als das Reich sich nach allen Seiten verteidigen musste. Auf einem Feldzug in Germanien wurde er 235 n.Chr. von Soldaten der eigenen Truppen umgebracht. Der Bronzekopf zeigt, wie brutal man mit einer Hacke oder einem ähnlichen Werkzeug in das Gesicht des Kaisers hineingeschlagen hat. Die Schläge zielten besonders auf die Augen. Andere Spuren am Hals lassen darauf schließen, dass anschließend der Kopf vom Rumpf abgehauen wurde, eine gezielte Enthauptung.
 
Vitellius, zerstörte Münze, Tiberfund. Rom, Mus. Naz.
Domitian, zerstörte Münze, Tiberfund. Rom, Mus. Naz.
Die Münzen mit dem Kaiserbild auf der Vorderseite blieben dagegen aus praktischen Gründen im Umlauf. Private Erbitterung hat aber manchen Zeitgenossen dazu veranlasst, auch diese Porträts zu verunstalten. Zwei Münzen aus dem Tiber in Rom zeigen solche Porträts der Kaiser Vitellius und Domitian, auf die mit dem Meißel eingeschlagen wurde.
 
Augustus, Typus Prima Porta. London, Brit. Mus.
Schwellenmosaik des Hotel Rashid in Bagdad mit George Bush sr.
Nicht nur innerhalb des römischen Imperiums, sondern auch jenseits seiner Grenzen war die Misshandlung feindlicher Kaiser in effigie bekannt. Ein Bronzebildnis des Augustus war ursprünglich in Ägypten aufgestellt. Es hat sich nur deshalb erhalten, weil es während kriegerischer Auseinandersetzungen der Königin von Meroë mit den römischen Besatzungstruppen Ägyptens 25−20 v.Chr. verschleppt wurde. Das Beutestück wurde unter der Schwelle eines Tempels vergraben, so dass jeder Besucher des Heiligtums beim Eintritt gewissermaßen auf das Haupt des Kaisers trat. Auch diese Praxis hat eine Parallele in der jüngeren Geschichte Bagdads.
 
Claudius, Haupttypus. Kopenhagen, NCG Inv. 1277
Sehr häufig wurden Kaiserbilder nicht zerstört, sondern in die der nachfolgenden Kaiser umgewandelt. Das hatte den Vorzug, dass man die fertigen Statuen und Büsten wieder verwenden konnte. Vielfach werden schon aufgestellte Statuen abgesetzter Kaiser einfach an Ort und Stelle umgestaltet worden sein. Oft hat man die Bildnisse allerdings erst nach einiger Zeit umgestaltet, wahrscheinlich nachdem man sie entfernt und in Depots untergestellt hatte.
 
Eine Umarbeitung war besonders einfach, wenn der Kopf schon ursprünglich separat gearbeitet und mit einem Zapfen in die entsprechend ausgehöhlte Statue eingesetzt war. Für dieses Verfahren mag es verschiedene Gründe gegeben haben, etwa die Spezialisierung von Bildhauern, die entweder nur am Kopf oder nur an der Statue arbeiteten. Auch konnte man für den Kopf so besseren Marmor als für die Statue wählen. Den Austausch des Kopfes zu erleichtern, war gewiss nicht die primäre Absicht; doch dürfte die Möglichkeit dazu jedem illusionslosen Betrachter bewusst gewesen sein.
 
Titus, Typus 1 (ehem. Nero). Slg. Wallmoden (Göttingen)
Titus, Typus 1 (ehem. Nero). Slg. Wallmoden (Göttingen)
Das Phänomen der Umarbeitung eines Kaiserporträts in das eines Nachfolgers ist gut bekannt, weil man die Spuren der Umgestaltung häufig noch erkennt. Zum Beispiel können solche Porträts hinten die Frisur des vorausgehenden, vorn jedoch Frisur und Gesicht des neuen Kaisers aufweisen. Ein Beispiel dafür ist das Porträt der Sammlung Wallmoden, das vorn das Gesicht und die kurzen Locken des Titus zeigt, hinten aber noch die langen Strähnen eines Neroporträts.
 
Aus solchen Beobachtungen wissen wir, dass solche auf die memoria damnata folgenden Umgestaltungen sich in bestimmten historischen Konstellationen besonders häufig finden: Viele Porträts des Caligula wurden seit 41 n.Chr. in diejenigen seines Nachfolgers Claudius, einige in Porträts des Dynastiegründers Augustus verwandelt. Die Porträts des Nero wurden nach seinem Sturz 69 n.Chr. besonders gründlich beseitigt und in Bildnisse des Galba, Vitellius, Vespasian und Titus umgewandelt. Nachweislich gab es ist auch eine mehrfache Umarbeitung von Nero zu Domitian und dann, als auch dieser der damnatio verfiel, zu Nerva. Fast alle Nervaporträts und ein großer Teil der frühen Trajansporträts sind aus denen des Domitian gemacht.
 
Im 1. Jahrhundert n.Chr. wurden marmorne Kaiserporträts anscheinend nur wieder zu Kaiserporträts umgearbeitet. Dies ist damit zu erklären, dass sie an Orten aufgestellt waren, wo auf jeden Fall ein Kaiserporträt stehen sollte; nur durfte es eben keinen der damnatio verfallenen Kaiser darstellen.
 
Im 3. Jahrhundert n.Chr., in dem fast 40 Kaiser regierten und in der Regel konkurrierenden Kandidaten zum Opfer fielen, ist das Phänomen der damnatio memoriae sehr verbreitet, doch gibt es in dieser Zeit auch Beispiele für die postume Rehabilitation von Vorgängern.
 
Obwohl die Ergebnisse der Bemühungen, aus einem vorhandenen Porträt ein neues herauszuarbeiten, oft zu geradezu grotesk deformierten Bildnissen führten, scheint dies ihren Wert grundsätzlich nicht geschmälert zu haben. Wichtig war vor allem, dass an den dafür bestimmten Orten Bildnisse des regierenden Kaisers standen; lange konnte man ihre Stelle nicht vakant lassen. Die Qualität des Porträts als Kunstwerk spielte demgegenüber anscheinend keine oder nur eine untergeordnete Rolle, wenn die Zeit drängte und sich eine kostengünstige Lösung anbot.
 
Die technischen Aspekte und Schwierigkeiten solcher Umwidmungen durch Überarbeitung werden hier in einem eigenen Abschnitt behandelt.
 
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Juv. 10,58-64.