Statuentypen
 
 
Togatus
 
Togastatue des Augustus. Korinth
Togastatue. Vatikan
Die Toga war die Tracht des römischen Bürgers. Die Göttinger Sammlung besitzt zwei Statuen mit der bekanntesten Drapierungsform dieses Kleidungsstückes: eine Statue des Kaisers Augustus in der Toga in Korinth und eine hadrianische Togastatue in den Vatikanischen Museen, bei der der Kopf ursprünglich getrennt gearbeitet war und verloren ist. Heute ist der Statue ein zwar antiker, aber nicht ursprünglich zugehöriger Porträtkopf eingesetzt.
 
Die Tracht, Schnitt und Formen
 
Die Toga war ein wollenes Obergewand, das über einem genähten Hemd, der Tunica, getragen wurde. Ihr Schnitt bildete ein langes Oval. Die Toga wurde in der Mitte längs gefaltet, an den Enden der Mittelachse befand sich je eine Spitze. So vorbereitet wurde die Toga um den Körper drapiert. In der Republik war die Toga knapp geschnitten. In augusteischer Zeit wurde sie üppiger drapiert, wie an den beiden Statuen aus der frühen Kaiserzeit zu sehen ist. Die Längsachse konnte dabei leicht über 7 m lang sein.
 
Diptychon des Rufius Probianus. Berlin, Staatsbibl.
Flavius Palmatus. Aphrodisias
 
Die Toga wurde bis in die Spätantike dargestellt. Dabei kamen zur augusteischen Form der Tragweise mit der Zeit ganz anders aussehende Drapierungen hinzu. Seit dem 3. Jahrhundert n.Chr. war eine Form besonders beliebt, bei der Teile der Toga brettartig gefaltet und entsprechend bestickt wurden, die sogenannte kontabulierte Toga. Diese Form wurde durch leichte Modifizierung der ursprünglichen Drapierung erzeugt. Anschaulich zeigen diese Toga von vorn und hinten die Figur des als Richter amtierenden Rufius Probianus und die der beiden plädierenden Juristen auf einem Elfenbeindiptychon aus dem 5. Jahrhundert n.Chr. in Berlin. Grundsätzlich dieselbe Drapierung weist auch die Statue des Provinzstatthalters Flavius Palmatus aus dem 5. Jahrhundert n.Chr. in Aphrodisias auf. Die Mode seiner Tunica mit engen langen Ärmeln kam erst in der Spätantike auf. Die Büsten mit kontabulierter Toga werden im folgenden Kapitel abgehandelt.
 
Die Drapierung der Toga kann in den beiden folgenden Fotoserien verfolgt werden.
 
Fotoserie 1
Fotoserie 2
 
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Togatus. Pompeji, Casa dei Vettii
Einfacher Lederstiefel
Senatorischer Stiefel
 
Toga und Status
 
Die Togatracht war immer ein Statuskennzeichen. Die normale weiße Toga kennzeichnete den Inhaber des römischen Bürgerrechts. Fremde, Verbannte, Sklaven und auch die Bewohner des römischen Reiches durften sie nicht tragen, wenn sie nur das Bürgerrecht ihrer Heimatstadt besaßen, nicht aber das mit Privilegien verbundene römische Bürgerrecht. Schmale senkrechte Purpurstreifen in der Tunica zeichneten die Angehörigen des Ritterstandes aus (angusti clavi), breite Purpurstreifen die Angehörigen des Senatorenstandes (lati clavi). Purpurstreifen an den Rändern der Toga selbst durften Magistrate erst ab einer bestimmten Stufe der römischen Ämterlaufbahn tragen. Wie eine magistratische Toga aussah, verdeutlichen Darstellungen in römischen Hausheiligtümern. Sie stellen den Genius des Kaisers in Gestalt eines Togatus dar, der mit den Abzeichen eines hohen Amtes versehen ist. Konsuln und Triumphatoren trugen die toga picta, eine ganz purpurfarbene Toga, die mit Gold bestickt war.
 
Selbst die zugehörigen Schuhe waren rangbezeichnend. Die häufig dargestellten hohen Stiefel aus weichem Leder mit doppelten Bändern sind wahrscheinlich mit den literarisch bezeugten senatorischen Stiefeln (calcei senatorii) zu identifizieren, für die wiederum bestimmte Farben vorgeschrieben waren. Einfachere Ränge bezeichneten Lederstiefel mit weichen faltigen Überschlägen. Ebenso wie die Kleidung real auftretender Personen, sagten auch die farbig bemalten Togastatuen viel über den sozialen Status der Dargestellten aus.
 
Togastatue des Augustus. Korinth
Flavius Palmatus. Aphrodisias
 
Spezielle Drapierungen und Attribute konnten weitere Informationen liefern. Bei Opfern nach römischem Ritus verhüllte der Opfernde den Kopf mit einem Teil der Toga. Die Figur des Augustus in Korinth und viele andere in diesem Schema waren zweifellos mit einer Opferschale in der Hand dargestellt. Diese Statuen von Opfernden hoben ihre pietas (Frömmigkeit) gegenüber den Göttern hervor.
 
Die Statue des Provinzstatthalters Flavius Palmatus aus dem spätantiken Aphrodisias hält dagegen ein gefaltetes Tuch in der Rechten. Ein solches Tuch (mappa) wurde als Zeichen der Eröffnung von Spielen und Wettrennen im Circus vom spielgebenden Magistraten in die Arena geworfen. Palmatus ist durch die Toga und das Tuch als Magistrat gekennzeichnet - mit vielen hohen Ämtern waren die Veranstaltung von Spielen und deren Finanzierung verbunden.
 
Ehepaar aus Kastengrabrelief. Vatikan
 
Beliebtheit und Lästigkeit
 
In seinem Bemühen, mit der nominell wiedereingeführten Republik auch altrömische Gesinnung neu zu beleben, hat Augustus nicht nur die Togatracht neu und prächtiger gestaltet, sondern auch veranlasst, dass die Römer sich an repräsentativen Orten und bei offiziellen Anlässen als gens togata (Volk in der Toga) präsentierten. Das Forum sollten Bürger nur in diesem Staatsgewand betreten, und bei Theaterspielen saßen sie nach Rangklassen geordnet in der entsprechenden Kleidung. Die in der frühen Kaiserzeit enorm große Bevölkerungsgruppe der Freigelassenen trug die Toga mit besonderem Stolz und ließ sich mit ebensolchem Enthusiasmus so bekleidet darstellen. Die Büsten eines Reliefs von einem Grabbau an der Via Appia bei Rom stellen wohl ein Paar von Freigelassenen dar, die so auf ihr neu erworbenes Bürgerrecht hinwiesen. Die nachantik abgemeißelte Inschrift bezeichnete zumindest die Frau als Freigelassene.
 
Die Ehre, eine Toga mit magistratischen Purpurstreifen zu tragen, war begehrt. Die Privilegien der Magistrate wurden jedoch nicht gemindert, wenn das Recht auf das Tragen einer solchen ehrenhalber und zu bestimmten Anlässen auch anderen Amtsträger verliehen wurde. Kaiser erhielten mit der Zeit das Recht, ständig die purpurne Triumphaltoga zu tragen.
 
Doch war die Toga unbestritten teuer und lästig zu tragen, seit sie in augusteischer Zeit von einem knappen Alltagsgewand zu einem stoffreichen Kleidungsstück geworden war, das man kaum allein anlegen konnte und das die Bewegungsfreiheit stark einschränkte - der linke Arm musste angewinkelt bleiben und war nur mit dem Halten des Gewandes beschäftigt. Die Toga wurde deshalb in der Kaiserzeit realiter immer weniger benutzt, nur noch dann, wenn Ämter und andere offizielle Anlässe es erforderten. Am Ende des 1. Jahrhunderts n.Chr. spottete der Satiriker Juvenal: "In einem großen Teil Italiens legt, wenn wir ehrlich sind, niemand die Toga an außer als Toter" (Iuv. Sat. 3, 171 f.). Die Ehrenstatuen von Kaisern und Bürgern und die Staatsmonumente und Grabmäler aber rühmten die Dargestellten in ihren offiziellen Funktionen, so dass die Römer auch weiterhin als gens togata erschienen. Erst in der Spätantike wurden tatsächlich nur noch die Konsuln und Personen mit bestimmter Funktion in der Toga dargestellt.
 
Köpfe und Körper
 
Die Aussagen der Togastatuen über den Rang der Dargestellten wurden offenbar als so wichtig angesehen, dass eine individuelle Körperkennzeichnung demgegenüber in den Hintergrund trat. Togastatuen sind deshalb äußerst standardisiert. Bezeichnenderweise gibt es in der Großplastik keine beleibten Togati, auch wenn auf dem Statuenkörper Köpfe mit fülligen Gesichtern sitzen.
 
Die Standardisierung der Körper der Togastatuen ermöglichte standardisierte Herstellungsverfahren. Wie es ursprünglich bei dem Togatus im Vatikan vorauszusetzen ist, wurden die Statuen in Serie gearbeitet. Separat gearbeitete Köpfe wurden in dafür vorbereitete Aushöhlungen im Statuenkörper eingesetzt.
 
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Das Forum sollten Bürger nur in diesem Staatsgewand betreten, und bei Theaterspielen saßen sie nach Rangklassen geordnet in der entsprechenden Kleidung.
 
Panzerstatue
 
Augustus von Prima Porta. Vatikan
Militärische Funktionen und Verdienste werden durch die Verwendung einer Panzerstatue als Träger des Porträts signalisiert. Die Panzerstatue des Augustus von Prima Porta ist ein besonders reich ausgeschmücktes Exemplar. Die Grundform hat diese Statue mit weiteren Panzerstatuen gemeinsam: Über einer kurzen Tunika liegt der metallene, reliefierte Muskelpanzer, der an der Unterkante und an den Armlöchern mit Lederlaschen besetzt ist. Darüber ist ein großer Mantel um den Leib geschlungen.
 
Schon früh wurde angemerkt, dass die Proportionen und Bewegung der Panzerstatue von Prima Porta Modellen der griechischen Klassik des 5. Jahrhunderts v.Chr. abgeschaut sind. Also auch hier ist die Statue unabhängig vom Porträtkopf konzipiert.
 
Augustus von Prima Porta. Vatikan
Togastatue des Augustus. Korinth
 
Dies wird besonders deutlich, wenn man die beiden Porträtstatuen des Augustus in Korinth und Rom vergleicht: Die Köpfe sind leicht als Wiederholungen eines Typus zu erkennen, Ausdruck und Wendung gleichen sich trotz der unterschiedlichen Statuenkörper. Nur die Verhüllung des Hinterkopfes ist dem Kopf der Togastatue als besonderes Attribut zugefügt.
 
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Idealkörper mit Porträt
 
Augustus von Prima Porta. Vatikan
Porträtstatue. Paris, Louvre
 
An der Panzerstatue des Augustus von Prima Porta verweist nicht nur die Pose auf Vorbilder aus der Ikonographie von Göttern und Heroen. Die Statuenstütze wird von einem Delphin gebildet, auf dem ein kleiner Amor reitet − eine Anspielung auf die Genealogie des Augustus, die auf Venus als Urahnin zurückgeführt wurde. Statt festen Schuhwerks, wie es sonst zu militärischer Tracht gehört, tritt die Panzerstatue barfüßig auf; auch dies in Anlehnung an Idealplastik. Die Statue des Augustus von Prima Porta verbindet also Züge eines traditionell militärischen Statuentypus mit denen eines theomorphen Bildnisses.
 
Die Statue eines Mannes in Paris zeigt hingegen die Verbindung eines Statuentypus, der sonst auch für Darstellungen des Hermes/Mercurius verwendet wurde, mit einem Porträtkopf augusteischer Zeit. Der Körper ist nicht in gleicher Weise porträthaft wie der Kopf, sondern gewissermaßen ein Zitat. Entweder wurde dabei allgemein ein Herausgehobensein aus dem bürgerlichen Bereich bezeichnet. Oder − falls die übrige Ausstattung der Figur auch der Ikonographie des Hermes/Mercurius entnommen war − hätte der Körper dazu beigetragen, den Dargestellten in bestimmter Hinsicht mit dem Gott als Garant des Handels und der Rednergabe zu vergleichen. Weil der Körper als Träger einer Aussage nicht situativ, sondern zeichenhaft zu verstehen war, wurde auch Nacktheit für römische Betrachter akzeptabel.
 
Porträtstatue. Kopenhagen, NCG
Wie abstrakt die Zusammenstellungen von Porträts und Körpern sind, ist an der Statue einer Frau flavischer Zeit in Kopenhagen gut zu erkennen. Der Porträtkopf zeigt eine aufwendig frisierte Frau mit nicht mehr ganz jugendlichen Gesichtszügen. Dieser Kopf sitzt auf dem makellos schönen und jugendlichen Körper. Die Ikonographie des nackten Körpers in leicht gebückter Stellung mit den Armen, die schamhaft vor Brust und Genital liegen, entspricht einem bekannten Typus der Venus.
 
Die Statue zeigt die Frau so schön wie Venus. Der Kopf scheint nach modernem Verständnis nicht auf den Körper zu passen. Doch gerade die Diskrepanz zwischen dem ungeschönten, ältlichen Porträt und dem idealen Körper macht deutlich, dass die einzelnen Komponenten getrennt gesehen werden sollen. Das sprachliche Äquivalent für diese Verwendung eines Idealkörpers ist die Metapher: "Du bist Venus" mit der Bedeutung "Du bist anziehend wie Venus". Während Texte die Möglichkeit haben, den Vergleich auszuformulieren, kann im Bild zwischen Gleichsetzung und Vergleich nicht unterschieden werden. Dem zeitgenössischen Betrachter war der metaphorische Charakter solcher Bilder aber bekannt.
 
Männer- und Frauenstatuen
 
'Kleine Herkulanerin'. Dresden
Porträtstatue. Kopenhagen, NCG
 
Togastatue. Vatikan
Porträtstatue. Paris, Louvre
 
Weibliche Porträtstatuen römischer Zeit zeigen besonders deutlich, dass Statuentypen nicht unbedingt eine zeitgenössische Realität abbilden, sondern danach ausgesucht wurden, welche Bedeutungen sie transportierten. Das hatte zur Folge, dass Frauen kaum einmal in zeitgenössischer Tracht dargestellt wurden. Die Körper griechischer Göttinnen waren besser geeignet, die Dargestellten zu nobilitieren. Der Körpertypus der sogenannten Kleinen Herculanerin in Dresden, der nach einem Vorbild des 4. Jahrhunderts v.Chr. kopiert ist, war einer der beliebtesten Körpertypen für römische Frauenstatuen. Mit ihrem züchtig, aber sehr kleidsam verhüllten Körper entsprach die Herculanerin wohl einer verbreiteten Vorstellung vom angemessenen Auftreten einer römischen Dame.
 
In der frühen Kaiserzeit gab es den Versuch, parallel zur Toga der Männer die Stola als Abzeichen der römischen Matrone zu etablieren. Dieses Trägergewand, das zwischen Tunica und Mantel getragen wurde, ist in der Göttinger Sammlung nur bei Büsten belegt, wie im entsprechenden Kapitel gezeigt wird.
 
Bei Männern gibt es ein größeres Spektrum, denn hier kann die zeitgenössische Tracht wichtige Bildaussagen treffen. Darum sind für Männer sowohl Togati und Panzerstatuen als auch Idealplastik als Träger von Porträtköpfen verbreitet.
 
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