Poleis, Wohltäter und Ehrungen: Hellenistische Bürgerporträts
 
Ehrenstatuen auf der Agora von Priene
 
Philosophen und Literaten waren Ausnahmeerscheinungen der antiken Gesellschaft. Bei ihren Porträts waren Abweichungen von der Norm eines polis-Bürgers positiv bewertete Aspekte. Daneben gab es wohl noch andere gesellschaftliche Gruppen und Einzelne, die aufwendig gestaltete Porträts erhielten. Doch war schon die Tatsache, dass jemand ein stark individualisiertes Porträt erhielt, nicht selbstverständlich. Die zahlreichen Ehrenstatuen lokaler Honoratioren, die neben den Bildnissen der Könige die öffentlichen Plätze und Gebäude hellenistischer Städte füllten, waren weiterhin mehr oder minder stark normiert.
 
Nikeso aus Priene. Berlin, Antikenslg.
Wenn der einzelne Bürger sich nicht direkt in den Dienst der Könige stellte, fand er im Einsatz für seine polis ein reiches Betätigungsfeld, etwa in diplomatischen Missionen oder in Stiftungen für öffentliche Belange: für Bauten, den Betrieb der Gymnasien, für Feste und Theateraufführungen oder öffentliche Speisungen. Solcher Einsatz für das Gemeinwohl führte zu entsprechenden öffentlichen Ehrungen des Wohltäters (euergetes). Schnell entstand ein Klima gegenseitigen Konkurrierens sowohl in den öffentlichen Wohltaten wie in den nachfolgenden Ehrungen. Nach einer gewissen Beruhigung der politischen Verhältnisse kamen die poleis im 2. Jahrhundert v.Chr. vor allem in Kleinasien zu neuer Blüte; viele Ehrendenkmäler für verdiente Bürger entstanden in dieser Zeit.
 
Erstmals konnten in hellenistischer Zeit auch vermögende Frauen durch Stiftungen in den Kreis öffentlich zu ehrender Personen vordringen. Eine weibliche Gewandstatue stammt aus dem Heiligtum der Demeter in Priene. Auf der Basis ist der Name der Priesterin Nikeso verzeichnet, die vermutlich in der Statue auch selbst dargestellt ist. Aufgrund der Buchstabenform der Inschrift wird die Statue in die erste Hälfte des 3. Jahrhunderts v.Chr. datiert.
 
Statuenbasen auf der Agora von Priene
Ehrenstatuen auf der Agora von Priene
 
Ein wichtiger Teil von Ehrungen war die Aufstellung von Bildnissen im öffentlichen Raum, Statuen auf öffentlichen Plätzen an möglichst prominenter Stelle, in öffentlichen Gebäuden, ja auch das Anbringen gemalter Bildnisse.
 
Die Agora der im späten 2. Jahrhundert n.Chr. zerstörten Stadt Priene liefert mit ihren dicht an dicht den Hauptdurchgang säumenden Monumenten eine gute Momentaufnahme der Belegung öffentlicher Plätze im späten Hellenismus. In einer Inschriftserie aus Priene werden demselben Euergeten dreimal hintereinander je vier, insgesamt also 12 Porträtehrungen zugesprochen. Diese Ehrungen wurden in der Regel von der polis beschlossen, wurden aber manchmal von der Familie des Geehrten bezahlt. Eine beliebte Monumentform waren Ruhebänke mit geraden oder kreissegmentförmigen Rückenlehnen, die Ehreninschriften trugen oder als Statuenbasen gestaltet waren. Auf diesen standen ganze Figurengruppen, insbesondere der Familien der Stifter.
 
Kultlokal für Diodoros Pasparos in Pergamon
 
Eine aufwendigere Form der Ehrung, die am Ende des Hellenismus nicht nur den Königen, sondern auch verdienten Bürgern zugesprochen wurde, war die Einrichtung von Kulten als Ehrung. In Pergamon hat sich ein Kultlokal erhalten, das wahrscheinlich Diodoros Pasparos gewidmet war, einem besonders reichen und verdienten Bürger Pergamons im 1. Jahrhundert v.Chr. Es enthält einen Kultsaal mit einer Statuennische und ein kleines Auditorium für Aufführungen und Rezitationen.
 
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IP 112,138-40; 113,109; 114,36 f. (Priene)
 
 
Überlieferung der Ehrenstatuen
 
Bürgerstatue. Kos
Stifterfigur auf Archelaos-Relief. London, Brit. Mus.
 
Die Ehrenstatuen von lokalen Honoratioren wurden selbstverständlich nicht kopiert. Deshalb muss die Untersuchung dieser Monumente sich auf die erhaltenen Originale stützen. Wie in anderen Bereichen sind wiederum die Bronzewerke verloren. Es haben sich aber noch ausreichend Denkmäler in Marmor erhalten, die eine Vorstellung vom Aussehen dieser Statuen vermitteln. Allerdings fehlen ihnen oft die originalen Köpfe. Sobald die Erinnerung an die Wohltäter verblasst war und es keine Nachfahren mehr gab, spätestens aber in römischer Zeit standen die Statuen zur Disposition. Eine solche alte Statue wurde oft genutzt, um einen aktuellen Wohltäter (euergetes) zu ehren, sei es durch Umarbeitung oder Erneuerung des Kopfes oder sei es durch die bloße Änderung der Namensinschrift. So äußerte Cicero in einem Brief den Wunsch, eine Statue in Athen zu erhalten, wollte aber ausdrücklich keine Inschrift auf der Statue eines Fremden. In einem antiken Depot im Odeion von Kos haben sich sechs solche hellenistische Statuen mit Kopf erhalten. Nur zwei von ihnen haben den originalen griechischen Kopf, die übrigen einen römischen. Eine dieser Statuen mit dem originalen Kopf ist hier abgebildet. Zahlreiche Inschriften und beschriftete Statuenbasen geben zudem Auskunft über die Anlässe und Art der Ehrungen, von denen die Statuen ein Teil waren.
 
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Grabrelief einer Demeterpriesterin. Berlin, Antikenslg.
Auf den Grabreliefs erscheinen die Bürger und Bürgerinnen vielfach in denselben Schemata wie die Ehrenstatuen. Mitunter stehen sie sogar frontal auf basisartigen Postamenten. Ein gutes Beispiel dafür ist das Grabrelief einer Priesterin des 2. Jahrhunderts v.Chr. aus Smyrna in Berlin. Über dem Feld mit den Figuren ist in flacherem Relief ein Kranz angebracht. Kränze gehören zu den gewöhnlichen Ehrungen, die in hellenistischer Zeit geradezu inflationär für größere und kleinere Verdienste aller Art vergeben wurden. Sie waren aber wichtig genug, um regelmäßig auf Grabdenkmälern dargestellt zu werden.
 
Die Statuentypen und ihre Aussagen
 
Bürgerstatue. Kos
Stifterfigur auf Archelaos-Relief. London, Brit. Mus.
'Ölwaldrelief'. Berlin, Antikenslg.
 
Statuen lokaler Größen und Euergeten konnten deren militärische Verdienste zwar durch die Darstellung in Panzertracht hervorheben. Das normale Bild des euergetes war jedoch eine mit dem Mantel (Himation) bekleidete Statue.
 
Eine der Figuren auf dem Relief des Archelaos in London ist auf einen profilierten Sockel gestellt und damit als Statue zu erkennen. Der Mann ist mit Chiton und Himation bekleidet und vertritt damit den geläufigsten Typus hellenistischer Ehrenstatuen. Wahrscheinlich stellt diese Figur den Stifter des Reliefs dar, der sich − wenn man aus der Themenwahl des Reliefs Schlüsse ziehen darf − Verdienste um den Kult des Homer oder das literarische Leben erworben haben mag. Bildung war auch sonst eine positive Eigenschaft, die z.B. durch die Darstellung von Buchrollen als Attribute ins Bild gesetzt werden konnte. Mit dem Mantel auf einem scheinbar sonst nackten Körper ist ein altes Darstellungsschema beibehalten, das durch Teilnacktheit die Leistungsfähigkeit des Körpers betonte. Möglicherweise dachte jedoch niemand beim Anblick solcher Statuen mehr an diesen Aspekt, sondern sah darin mehr eine Erinnerung an alte polis−Traditionen. Häufiger stellte man jedoch Männer in der Tracht dar, die sie faktisch schon immer getragen hatten, nämlich mit dem auf dem Körper getragenen Chiton und dem Himation darüber.
 
Ein späthellenistisches Relief unbekannter Bestimmung, das sog. Ölwaldrelief in Athen zeigt eine ganze Reihe von Himationträgern und weibliche Figuren, wie sie unter den Ehrenstatuen anzutreffen sind.
 
Es kam bei allen diesen Figuren nicht auf Originalität, sondern auf die Erfüllung bürgerlicher Normen an. Deshalb war auch die Ikonographie der Statuen normiert, man findet dieselben oder zumindest sehr ähnliche Typen in weit auseinanderliegenden Städten.
 
Köpfe
 
Hellenist. Privatporträt. Kos
Hellenist. Privatporträt. Rhodos
 
Die Frage, ob und welche Konventionen der Gestaltung von Porträtköpfen der Honoratioren des griechischen Ostens zugrundelagen, lässt sich bisher nur schwer beantworten. Die Überlieferung und die Datierungsanhaltspunkte sind spärlich, die erkennbaren Stilisierungsformen vielfältig. Vor allem aber wird die historische Interpretation des Überlieferten durch eine schon lange andauernde Diskussion über die Frage erschwert, ob besonders realistisch wirkende Stilisierungen im späteren hellenistischen Herrscher− und Privatporträt im Sinne einer Rezeption römischer Porträtvorstellungen zu deuten ist, oder ob alle Bildnisse des späteren Hellenismus im griechischen Osten als Ausdruck griechischen Selbstverständnisses zu deuten sind. Der Stand der Diskussion kann am Göttinger Material nur unvollständig aufgezeigt werden. Einige Aspekte seien im Folgenden genannt:
 
Manches deutet darauf hin, dass nicht nur die Körper, sondern vielfach auch die Köpfe der Ehrenstatuen für Polisbürger weniger individualisiert oder auch mimisch bewegt waren als die Porträtköpfe etwa der frühen Diadochen. Das Porträt der Statue aus Kos wirkt alterslos und ist frei von Mimik. Schwach individualisierte und mimisch leicht bewegte Porträts kennt man aus Rhodos. In den Metropolen Rhodos und Delos sind ausgeprägte lokale Darstellungskonventionen zu erkennen, die die Porträts verschiedener Personen untereinander ähnlich erscheinen lassen. Es gab dort jeweils eine Art Lokalgesicht. Dieses Phänomen könnte eine praktische Seite gehabt haben, denn ein eigenständiger Porträtentwurf war erheblich aufwendiger als ein konventioneller. Wohl kaum eine Gesellschaft kommt ohne solche Konventionen aus. Auf diese Weise könnte man zudem mehr oder weniger bewusst die Tradition der Normvorstellungen der älteren poleis weitergeführt haben.
 
Neben konventionellen Bildnissen gibt es aber unter den erhaltenen Porträts mimisch unterschiedlich stark bewegte, junge und alte Gesichter bis hin zu echten Greisen. Feste Muster zeichnen sich nicht ab.
 
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