Eine antike Interpretation hellenistischer Herrscherstatuen
 
"Die meisten Könige und Herrscher haben keinen Verstand und ahmen die schlechten Bildhauer nach, die glauben, ihre Statuen wirkten großartig und mächtig, wenn sie sie mit weit auseinandergestellten Beinen, mit angespannten Muskeln und mit aufgesperrtem Mund wiedergeben. Denn sie glauben auch, durch eine schroffe Stimme, grimmigen Blick, unfreundliches Betragen und ungesellige Lebensweise Gewicht und Würde ihrer Herrschaft zu repräsentieren."
 
Plutarch, Mor. 779 D ff.
 
Die energiegeladenen Bildnisstatuen hellenistischer Herrscher, insbesondere nackte Statuen, zeichneten sich durch ihren sperrigen Stand, durch die Betonung von Muskelpaketen am Körper, aber auch durch die vorgezogene Stirn und geöffnete Lippen aus. Ein einziges Schriftzeugnis bestätigt uns, dass diese Gestaltung tatsächlich als Ausdruck herrscherlichen Anspruchs verstanden wurde. Allerdings erfahren wir dies nur in einer polemischen Version, die die Bedeutung dieser Elemente ins Negative verkehrt. Der gelehrte Grieche Plutarch zitiert im 2. Jahrhundert n.Chr. eine Polemik, die wohl in die Jahre um die Zeitenwende zurückgehen muss. In dieser Zeit stellte man den klassizistischen Stil positiv und als Träger moralischen Wertes dar, während der hellenistische Stil nicht nur als schwülstig, sondern auch als Ausdruck moralisch minderwertiger Konzepte abgewertet wurde.
 
Im ersten Teil dieses Textes sind die Charakteristika hellenistischer Statuen klar benannt. Im zweiten werden Verhaltensformen und Eigenschaften genannt, die in der Antike als typische Formeln (topoi) für negatives Herrscherverhalten galten. Sicher liegt dabei eine polemische Umkehrung einer positiven Auslegung der Statuenmerkmale vor. Man wüsste gern, mit welchen Worten eine positive Sicht derselben Merkmale formuliert worden wäre. Die Textstelle zeigt jedoch, wie stark diese Bildformeln hellenistischer Statuen als Ausdrucksträger verstanden wurden.
 
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Plutarch, Mor. 779 D ff.