Porträts der klassischen Zeit
 
Die Wende von der archaischen Zeit zur Klassik wurde durch zahlreiche Neuerungen markiert: In vielen Stadtstaaten wurde die Herrschaft von Tyrannen abgeschafft. Damit begann der Niedergang der Adelsgesellschaft, deren Lebensstil zunehmend angefeindet wurde. Neue Verhaltensnormen drängten zu größtmöglicher Konformität im Verhalten der Bürger; aristokratische Eskapaden standen im Verdacht, diese Ordnung zu gefährden. Auch in religiösen Angelegenheiten ist eine Loslösung aus alten Bindungen und eine Neubestimmung des Verhältnisses zu den Göttern zu beobachten.
 
Diese Veränderungen lassen sich vor allem am Beispiel Athens studieren; denn die rege literarische Produktion der Bewohner dieser Stadt und zahlreiche archäologische Funde haben dazu geführt, dass wir über das klassische Athen besser unterrichtet sind als über andere Orte in derselben Zeit. Es entsprach den Regeln der Demokratie in Athen, dass sich der Einzelne zurücknahm. Nicht Betonung individueller Leistung sondern Normerfüllung wurde von den Bürgern der polis erwartet. Doch waren die Verhältnisse in Athen in vielen Aspekten nicht repräsentativ für die übrige griechische Welt, was auch bei der Beschäftigung mit Porträts berücksichtigt werden muss.
 
Soweit der ziemlich lückenhaft überlieferte Denkmälerbestand erkennen lässt, gab es schon im 5. Jahrhundert v.Chr. sehr unterschiedlich gestaltete Porträts mit mehr oder weniger individuellen Zügen. Im 4. Jahrhundert v.Chr. kamen neue Möglichkeiten hinzu, z.B. für die Bildnisse von Philosophen. Darum müssen die erhaltenen Werke zunächst einzeln betrachtet werden, bevor der Versuch unternommen werden kann, ein Gesamtbild zu entwerfen. Doch zuerst ist es nötig, sich über die Bedingungen für die Errichtung von Porträts an verschiedenen Aufstellungsorten und die Überlieferungssituation Klarheit zu verschaffen:
 
Funktionen und Medien
 
− Wie im 6. Jahrhundert v.Chr. waren Heiligtümer wichtige Orte der Aufstellung und Anbringung von Bildnissen. Dort konnten weiterhin Einzelne und Familien ihre Bildnisse mit Genehmigung der Heiligtumsverwaltung als Geschenk an die Gottheit aufstellen. Auch poleis konnten solche Weihgeschenke zu Ehren der Betreffenden aufstellen lassen. Von derartigen Weihungen sind heute meist nur noch die Basen mit entsprechenden Inschriften zu identifizieren, zahlreich etwa in Olympia oder Delphi.
 
− Bildnisse am Grab führten ebenfalls die bestehenden Traditionen fort. In Athen hörten aufwendige Grabdenkmäler nach der Einrichtung der Demokratie zunächst auf, als eine Form adliger Repräsentation, die nicht mehr geduldet wurde. Erst im späteren 5. Jahrhundert v.Chr. setzte die große Produktion attischer Grabreliefs ein, nun im Auftrag breiterer Schichten der Bevölkerung.
 
− Eine zukunftsweisende Neuerung war die Errichtung von Ehrenstatuen auf öffentlichen Plätzen und auf offiziellen Beschluss der Volksversammlung oder des Rates einer Stadt.
 
In archäologischen Funden sind vor allem Bildnisse aus dauerhaftem Material erhalten, meist Stein, seltener Bronze. Literarische Quellen berichten jedoch, dass Malerei ein geschätztes Medium für Porträts war; aus klassischer Zeit ist nichts davon erhalten. Darunter gab es allegorische Darstellungen, die in der Skulptur keine Parallelen haben. Ein Beispiel war ein Gemälde im Erechtheion von Athen, das Alkibiades nach einem sportlichen Sieg in den nemeischen Spielen in Auftrag gegeben hatte. Es zeigte ihn auf den Knien der Personifikation der Stadt Nemea.
 
Zugleich mit der Ehrenstatue kam im griechischen Raum auch das (im Orient lange vorher bekannte) Historienbild auf, das eine für die Gemeinschaft bedeutsame Handlung darstellt. Das erste Beispiel ist das aus einer Beschreibung des Pausanias bekannte Gemälde der Schlacht von Marathon in Athen (Pausanias **). Der Feldherr Miltiades soll darin kenntlich gewesen sein, wenn auch vielleicht nur durch seine Haltung und nicht durch ein individualisiertes Porträt. Dieses Bild war allerdings vermutlich eine private Stiftung der Nachfahren des Miltiades in der von ihnen finanzierten Stoa Poikile.
 
Überlieferung
 
Themistokles. Ostia
Perikles. London, Brit. Mus.
Thukydides. Neapel, Mus. Naz.
 
Freistehende Porträts des 5. und 4. Jahrhunderts v.Chr. sind überwiegend in römischen Kopien überliefert. In römischer Zeit waren Auftraggeber vor allem an Bildnissen von Persönlichkeiten interessiert, die sie aus ihrer Lektüre klassischer Autoren kannten. Neben Schriftstellern und Philosophen kamen dabei vor allem Politiker und Strategen zum Zuge, die vor allem durch das Geschichtswerk des Thukydides berühmt geworden waren. Autoren aus Athen wurden bevorzugt gelesen, weil in der Kaiserzeit das attische Griechisch der klassischen Zeit als Hochsprache der Gebildeten gepflegt wurde.
 
Kopf von Porticello. Reggio Calabria
 
Nur ausnahmsweise sind rundplastische Originale klassischer Zeit erhalten. Das Bronzeporträt eines alten Mannes des 5. Jahrhunderts v.Chr. aus dem Schiffswrack von Porticello oder das Bronzeporträt eines Schwerathleten des 4. Jahrhunderts v.Chr. aus Olympia sind Beispiele individualisierter Porträts auf einer hohen Qualitätsstufe. Bronze war in klassischer Zeit das bevorzugte Material für anspruchsvolle Bildnisse, was auch erklärt, warum die meisten zerstört sind.
 
Nicht individualisiert sind hingegen die Porträts auf den zahlreich erhaltenen Grab- und Weihreliefs des späten 5. und 4. Jahrhunderts v.Chr. Dort sind Familiengruppen mit Figuren in normierten Haltungen und normierten Köpfen wiedergegeben. Diese Tradition setzte sich in vielen Fällen sogar bis in die hellenistische Zeit fort.
 
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Plin. nat. hist. 35,37