Stilisierungen
 
Porträts sollten Aussagen über die Dargestellten vermitteln, die den Auftraggebern wesentlich erschienen. Doch in der Antike war Originalität keine bildwürdige Qualität, Ähnlichkeit zudem keine notwendige Eigenschaft von Porträts. Darum konnten zur Charakterisierung einer Person einzelne Motive anderer Bildwerke entlehnt werden, die ihre Bedeutung aus ihrem ursprünglichen Kontext mitbrachten. Dabei war weniger wichtig, ob die porträtierte Person diese Merkmale selbst besaß; sie dienten vor allem der visuellen Kommunikation. Betrachter, die mit der antiken Bilderwelt vertraut waren, konnten die Motive erkennen und so die Anspielungen verstehen. Mögliche Vorbilder für eine solche Stilisierung waren Gestalten des Mythos, die bestimmte Qualitäten verkörperten, aber auch Porträts bewunderter historischer Persönlichkeiten.
 
Philosoph und Silen: Das Porträt des Sokrates
 
Sokrates, Typus 1. Neapel, Mus. Naz.
Schauspieler als Papposilen. Berlin, Antikenslg.
 
Mythologische Bilder spielten bei der Gestaltung des Sokratesporträts eine zentrale Rolle. Die Nachrichten über Sokrates lassen erkennen, dass die Bilderwelt der antiken Kunst Orientierungshilfen bot und auch zur Einordnung irritierender Phänomene genutzt werden konnte. Sokrates muss allen überlieferten Nachrichten zufolge außerordentlich hässlich gewesen sein. Nach der Vorstellung der kalokagathia waren aber körperliche und geistige Vollkommenheit notwendig miteinander verbunden; Hässlichkeit war gleichbedeutend mit moralischer Schlechtigkeit. Um die beunruhigende Hässlichkeit des Sokrates zu beschreiben, suchte man nach einem Vergleich und fand ihn in Satyrn und Silenen. Das mythische exemplum erlaubte eine positive Umdeutung. Die Anhänger des Sokrates konnten darauf verweisen, dass Silene weise Lehrer waren, außerdem waren sie bei aller Hässlichkeit doch göttliche Wesen.
 
Diesen wilden Gestalten des Mythos, Mischwesen mit Tierschwänzen und -ohren, konnte man im Alltag nicht begegnen; sie waren nur von Bildern oder als Kostüme im Theater bekannt. Die Statuette eines Schauspielers im zottigen Silenskostüm zeigt die charakteristischen Merkmale der Maske: Silen ist dickbäuchig, kugelköpfig, stupsnasig und hat wulstige Lippen.
 
Der zunächst in Gesprächen zu Sokrates' Lebzeiten und dann schriftlich formulierte Vergleich wurde beim Entwurf des postumen Sokratesporträts genutzt. Sokrates erscheint mit rundem Kopf, kurzer breiter Nase und vollen Lippen. Die äußere Gestalt und damit auch die positiv bewerteten Eigenschaften Silens wurden also durch eine entsprechende Stilisierung seines Porträts auf Sokrates bezogen.
 
Diese Bemerkungen sollen hier genügen. Mehr zum Sokratesporträt findet sich in den entsprechenden Abschnitten zu Porträts des 4. Jahrhunderts v.Chr. und zu fiktiven Porträts. An dieser Stelle ist nur wichtig zu zeigen, wie Züge der Ikonographie einer mythischen Figur auf ein Porträt übertragen wurden, um mit den Mitteln der bildenden Kunst eine positiv bewertete Aussage über den Dargestellten zu machen.
 
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Alexander d. Gr. als Vorbild
 
Alexander, Typus Azara. Istanbul
Pergamen. König, Phase 1. Berlin, Antikenslg.
Pergamen. König, Phase 2. Berlin, Antikenslg.
 
Alexander d.Gr. beeindruckte mit seiner Eroberung eines Weltreiches nachhaltig die Menschen in der Antike. Darum wurde auch seine äußere Erscheinung aufmerksam registriert. Er führte die Mode der Bartlosigkeit ein, die während der gesamten hellenistischen Epoche und noch bis weit in die Kaiserzeit vorherrschend war. Auch seine wild aufgewühlte Frisur mit den über der Stirn hochgeworfenen Strähnen wirkte stilbildend.
 
Unmittelbaren Anschluss an Alexander d.Gr. suchten Könige, deren Reiche auf dem Gebiet des Alexanderreiches entstanden. Ein eindrückliches Beispiel für die prägende Wirkung des Alexanderporträts auf die Bildnisse ihrer Nachfolger ist ein Porträt aus Pergamon. Wie die meisten hellenistischen Könige trägt er keinen Bart. Auffälliger sind die Haare, die in einer ersten Phase noch verhältnismäßig flach dem Schädel anlagen. Diese Frisur gefiel offenbar nicht auf Dauer. In einer zweiten Phase wurde sie abgearbeitet um einen Haarkranz aus fülligen Locken anzustücken. Damit wird dieses Porträt Alexanderbildnissen mit voluminöser Frisur angeglichen. Gut vergleichbar ist ein ebenfalls aus Pergamon stammender Kopf Alexanders d.Gr. in Istanbul. Da hellenistische Könige ihre Legitimation daraus bezogen, dass sie sich in die Nachfolge Alexanders d.Gr. stellten, ist eine Stilisierung ihrer Porträts verständlich, die diese Tradition durch eine Ähnlichkeit zu Alexanderbildnissen betont.
 
Pompeius. Kopenhagen, NCG
Doch auch römische Politiker konnten sich in ihrer Selbstdarstellung am Vorbild Alexanders d.Gr. orientieren, obwohl bei ihnen derartige Verbindungen nicht bestanden. Pompejus, einer der wichtigsten Männer in der spätrepublikanischen Zeit, ließ sich "Magnus" nennen. Er soll Alexander d.Gr. geähnelt haben − doch kann es sich Jahrhunderte nach dessen Tod nur um eine Ähnlichkeit mit den Porträts Alexanders gehandelt haben. Das beinah verkniffen wirkende Gesicht des Pompejusporträts mit seinen kleinen Augen und schmallippigem Mund scheint nichts von den Zügen Alexanders zu haben. Nur die Haare über der Stirn sind auffällig hochgesträubt. Es ist wohl nur dieses Detail, an dem im Bildnis des Pompejus die Ähnlichkeit zu Alexander abgelesen werden soll. Für diese Stilisierung des Pompejus war der Ruhm Alexanders d.Gr. als großer Kriegsheld ausschlaggebend. Das Motiv der hochgesträubten Haare, mit dem Alexanderporträts zitiert werden, war als Hinweis auf die militärischen Qualitäten und Erfolge des Pompejus gedacht.
 
'Rhoimetalkes'. Athen, Nat. Mus.
Im Zuge der sog. Zweiten Sophistik der mittleren und späteren Kaiserzeit wurde in der griechischen Literatur die Figur Alexanders zu einem Helden, der teils romanhafte Züge erhielt. Der Stolz auf die ruhmreiche griechische Vergangenheit konnte zu entsprechender Selbststilisierung führen. Einige Bildnisse dieser Epoche orientieren sich dabei am Vorbild Alexanders, wie der junge Mann aus Athen, dessen Porträt eine üppige Mähne mit hochgeworfenen Haaren über der Stirn zeigt. Der knappe Bart folgt dagegen der Mode der mittleren römischen Kaiserzeit.
 
Caracalla, Typus 4. Paris, Louvre
Alexander auf Goldmedallion von Abukir. Berlin, Antikenslg.
Zu Beginn des 3. Jahrhunderts n.Chr. heißt es auch von Caracalla, er habe sich Alexander zum Vorbild genommen. Er soll Gesichtsausdruck und Kopfwendung des großen Königs imitiert haben. In seine Regierungszeit ist wahrscheinlich auch ein Goldmedaillon aus Abukir mit einem Bildnis Alexanders d.Gr. zu datieren. Stellt man die Porträts Caracallas daneben, erkennt man zwar einen energischen Gesichtsausdruck mit zusammengezogenen Brauen und eine heftige Wendung des Kopfes zu Seite, aber eine Ähnlichkeit mit Alexander ist nur schwer auszumachen, wenn überhaupt.
 
Die hier gezeigten, ganz verschiedenen Bildnisse sind jeweils auf eigene Weise nach dem Vorbild Alexanders d.Gr. stilisiert. Sie zeigen, dass je nach Interessenlage alexanderhafte Züge in ganz unterschiedliche Porträts integriert werden konnten. Im Laufe der Jahrhunderte änderte sich wohl auch die Sicht auf die Porträts Alexanders d.Gr., so dass das pathetische Porträt aus Pergamon, der unpathetische Pompejus, der romantische junge Mann aus Athen ebenso wie die Selbstdarstellung severischer Kaiser jeweils eine andere Sicht auf die Porträts Alexanders d.Gr. erkennen. Alle dürften davon überzeugt gewesen sein, mit ihrer Rezeption des Alexanderporträts Wesentliches erfasst zu haben.
 
Die Beispiele zeigen dass bei der Beschäftigung mit antiken Porträts immer auch die Frage beachtet werden muss, ob bei der Gestaltung eines Bildnisses die Stilisierung nach einem Vorbild eine Rolle spielt, die der Bildaussage eine neue Facette hinzufügen kann.
 
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