Porträts als Stellvertreter
 
Ein Porträt weist immer über sich selbst hinaus: Es scheint ein gewisser Ersatz für die Präsenz der Person selbst zu sein. So werden Porträts Eigenschaften zugeschrieben, die eigentlich dem dargestellten Menschen zukommen.
 
Der Schriftsteller Lukian, der im 2. Jahrhundert n.Chr. lebte, machte sich über den naiven Glauben an Statuen, die lebendig zu sein scheinen, lustig. Im "Lügenfreund" erzählt u.a. ein abergläubischer Arzt seine Geschichte: "Auch ich, Eukrates, habe einen zwei Spangen hohen Hippokrates von Bronze zu Hause, der, sooft der Docht der vor ihm brennenden Lampe ausgeht, mit großem Gepolter im ganzen Hause herumfährt, die Türen aufstößt, die Büchsen umwirft und die Arzneien durcheinandermengt. Besonders macht er uns diesen Spuk, wenn etwa das Opfer übergangen worden ist, das wir ihm alle Jahre auf einen gewissen Tag zu schlachten pflegen." (Philops. 21)
 
Der Text wirft ein bezeichnendes Licht auf die Furcht vor Bildwerken in Menschengestalt, deren Macht man mit Kult entgegenwirken kann. Eine ähnliche Vorstellung spielt wohl eine Rolle, wenn Porträts verhängt werden, um etwas "nicht mitansehen" zu müssen, z.B. Kaiserporträts bei Hinrichtungen. Der Dargestellte ist anscheinend in seinem Bildnis anwesend gedacht.
 
Zudem gab es die Vorstellung, dass mit dem, was man einem Bildnis antut, in irgendeiner Weise auch der dargestellte Mensch getroffen wird. In magischen Ritualen verwendete man Figuren, die gebunden oder von Nadeln durchbohrt das Opfer repräsentierten, das von diesem Schadenszauber getroffen werden sollte. Wenn im Aufstand gegen einen Herrscher dessen Bildnisse umgeworfen, durch Schläge auf Augen und Hals "geblendet" und "enthauptet" wurden, war damit auch der Dargestellte gemeint. Diese Vorstellungen sind noch aktuell; in Voodoo-Ritualen oder nach dem Sturz von Machthabern von Stalin bis Saddam Hussein sind entsprechende Verhaltensweisen bis heute zu beobachten.
 
Diptychon des Rufius Probianus. Berlin, Staatsbibl.
Diptychon des Rufius Probianus. Berlin, Staatsbibl.
 
Als Stellvertreter einer abwesenden Person wurden Porträts auch im Rahmen staatlichen Handelns verwendet. Ein Bildnis als Stellvertreter wurde immer dann gebraucht, wenn die Anwesenheit des Herrschers für die Gültigkeit eines Aktes nötig war, der Herrscher selbst aber nicht anwesend sein konnte. Mehrfach wird von Huldigungen und Unterwerfungen ausländischer Fürsten berichtet, die vor Kaiserbildnissen stattfanden. Einer von ihnen war der armenische König Tiridates, der nach Opfern sein Diadem vom Haupt nahm und vor einem Bildnis des Nero niederlegte, das auf einer sella curulis präsentiert wurde (Tac. ann 15,29,2f.; Dio Cass. 62,26,3). Durch die Verwendung der sella curulis wird die Zeremonie zu einem magistratischen Akt, bei dem das Bildnis an die Stelle des Kaisers in seiner Rolle als römischer Magistrat gesetzt ist.
 
Schon in dieser Episode ist es wahrscheinlich, dass ein einigermaßen leicht transportables kaiserliches Bildnis zum Einsatz kam, das man gefahrlos auf einer wirklichen sella deponieren konnte. Die Ausrüstung eines Magistraten mit Insignien und anderen Requisiten seiner Amtsausübung war immer für einen Einsatz an wechselnden Orten bestimmt. Kaiserbildnisse gehörten dazu. Zur Legitimation einer Amtshandlung durch die Anwesenheit eines Kaiserporträts genügten offensichtlich kleinformatige Büsten. Ein spätantikes Elfenbeindiptychon zeigt, dass sie in andere Geräte integriert sein konnten: Der Beamte wird während der Amtshandlung von prachtvollem Schreibgerät flankiert, das aus einer Hülle für Stifte und einem daran befestigten Tintenfass besteht. An der Außenseite der Hülle sind außerdem kaiserliche Bildnisse angebracht.
 
Verweigerung der Anbetung des Herrscherbildes. Rom, San Sebastiano
 
Qui negabant se esse Christianos aut fuisse, cum praeeunte me deos appellarent, et imagini tuae, quam propter hoc iusseram cum simulacris numinum adferri, ture ac vino supplicarent,...
 
Plin. ep. 10,96
 
Als Loyalitätsbekundung wurden Opfer und Gebet vor den Bildnissen der regierenden Kaiser auch von römischen Bürgern verlangt. Die Verweigerung des Kaiserkultes durch Christen, die als hochverräterischer Akt gewertet wurde, war ein wichtiger Grund für die Christenverfolgungen. Angeklagte Christen konnten während einer Gerichtsverhandlung aufgefordert werden, das Opfer an Ort und Stelle zu vollziehen, weil selbstverständlich ein Kaiserbild anwesend war, wie Plinius in einem Brief an Trajan schildert. Auch hier dient das Porträt als Stellvertreter des abwesenden Kaisers.
 
Ein Reflex dieser Praxis findet sich in der frühchristlichen Kunst in den Bildern von Daniel und seinen Gefährten vor Nebukadnezar. Der König wird durch eine Büste auf einer Säule repräsentiert, deren Verehrung die Männer verweigern.
 
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Lucianus, Philops. 21
Tac. ann 15,29,2f.
Dio Cass. 62,26,3