Ehrenstatuen
 
Eine zentrale Funktion aller antiken Porträts ist es, die dargestellte Person zu ehren. Umgekehrt kennen wir aus der Antike keinen Fall, in dem ein Bildnis hergestellt wurde, um den Dargestellten damit zu schmähen, wie dies in späteren Zeiten geschehen konnte. Ehrenstatuen unterscheiden sich von anderen Porträts, z.B. Porträts an Gräbern oder Weihgeschenken, die von den Dargestellten oder ihren Angehörigen in Auftrag gegeben wurden. Denn eine Ehrenstatue kann sich niemand selbst setzen, sie muss ihm von anderen gewidmet werden. Nach antikem Verständnis hängt Ehre immer von den Beziehungen eines Menschen zu anderen Mitgliedern der Gesellschaft ab. Ehre besitzt nur, wem sie von anderen zuerkannt wird; fehlt diese Anerkennung, ist ein Mensch ehrlos.
 
Die große Bedeutung, die diesem Begriff von Ehre in antiken Gesellschaften zugemessen wurde, erklärt das lebhafte Interesse an gesteigerten Formen der Ehrung, zu denen auch die Statuen gehörten. Um sozialen und politischen Einfluss zu erlangen, genügte es nicht, wohlhabend zu sein. Vielmehr musste sich der einzelne in der Konkurrenz mit anderen durch besondere Taten hervortun, die ihm öffentliche Anerkennung einbrachten, darunter möglicherweise eine Ehrenstatue.
 
Griechische Ehrenstatuen
 
Politische Denkmäler
 
Tyrannenmörder-Gruppe. Neapel, Mus. Naz.
Mit der Aufstellung von Porträtstatuen auf öffentlichen Plätzen wurden vor allem Männer geehrt, die sich durch Leistungen für den Staat ausgezeichnet hatten, der die Ehrung beschloss. Vorbild für viele spätere Ehrungen dieser Art war die Gruppe der Tyrannenmörder auf der Agora von Athen. Sie ehrte postum das Freundespaar Harmodios und Aristogeiton, das durch seinen Mord an dem Peisistratiden Hipparchos 514 v.Chr. den Sturz der Tyrannenherrschaft und die Etablierung der Demokratie in Athen eingeleitet haben soll. Die Ehrung war zunächst so außergewöhnlich, dass ihr für fast ein Jahrhundert keine weiteren Ehrenstatuen auf der Agora folgten.
 
Doch seit dem 4. Jahrhundert v.Chr. wurden Ehrenstatuen immer zahlreicher, wie historischen Quellen zu entnehmen ist. Viele der hier zu behandelnden griechischen Porträts von Politikern und Königen sind als Ehrenstatuen entstanden. Als seit hellenistischer Zeit auch die Finanzierung öffentlicher Aufgaben als Anlass für die Errichtung von Ehrenstatuen hinzukam, wurden Ehrenstatuen auch für wohlhabende Frauen errichtet.
 
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Sportler
 
Diskobol des Myron. Rom, Mus. Naz.
Diadumenos des Polyklet. London, Brit. Mus.
Bronzekopf eines Faustkämpfers
 
Konkurrenzdenken war eine wesentliche Antriebskraft in der Gesellschaft griechischer Städte. Agone, in denen man sich in einem formalisierten Wettkampf mit Konkurrenten messen konnte, gaben dem Wettstreit eine feste Form. Sportliche Wettkämpfe fanden regelmäßig im Rahmen religiöser Feste statt. Die bedeutendsten Austragungsorte waren die großen panhellenischen Heiligtümer, u.a. Olympia und Delphi. Der Sieg in den dort ausgetragenen Spielen brachte dem Sieger und seiner Heimatstadt großes Ansehen ein. Den Siegern wurden an der Stätte ihres Sieges und auch in ihren Heimatstädten Statuen errichtet. Zumindest die letztgenannten sind als Ehrenstatuen zu verstehen. Siegerstatuen sind in römischen Kopien erhalten. Der Diskobol des Myron und der Diadumenos des Polyklet wurden in römischer Zeit als Meisterwerke berühmter klassischer Künstler kopiert. Die Namen der Geehrten interessierten nicht mehr und sind nicht überliefert. Der Kopf eines Faustkämpfers aus Olympia ist hingegen ein Original des 4. Jahrhunderts v.Chr.
 
Dichter
 
Sophokles. Vatikan
Auch Theaterschriftsteller traten mit ihren Produktionen in Wettbewerben gegeneinander an. Die uns bekannten attischen Dramen waren jeweils Wettbewerbsbeiträge, die während der großen Dionysien im Dionysostheater von Athen aufgeführt wurden. Der Sieg in einem solchen Wettbewerb brachte den Choregen das Recht auf ein Siegesmonument ein. Doch die berühmten Dramatiker Athens wurden wohl zu ihren Lebzeiten noch nicht mit Ehrenstatuen geehrt. Jedenfalls überliefern die historischen Quellen nur Nachrichten über die postume Aufstellung der Ehrenstatuen von Dichtern − zu ihrem eigenen Ruhm und zum Ruhm ihrer Heimatstadt.
 
Das bekannteste Beispiel für eine solche Ehrung sind die Statuen der drei berühmtesten athenischen Dichter von Tragödien, Aischylos, Sophokles und Euripides. Sie wurden rund ein Jahrhundert nach dem Tod der Dichter um 330 v.Chr. auf Betreiben des führenden Politikers Lykurg im Dionysostheater errichtet. Den Beschluss dazu fasste die Volksversammlung. Die Statue des Sophokles aus dieser Gruppe von Ehrenstatuen ist wohl in einer Kopie in den Vatikanischen Museen überliefert. Sie zeigt Sophokles ohne irgendwelche besonderen Merkmale, die ihn als Dichter auszeichnen würden. Vielmehr entspricht seine Porträstatue vollkommen dem normierten Bürgerbild ihrer Entstehungszeit: Geehrt wird ein vorbildlicher athenischer Bürger. Hinter dieser Aussage trat die individuelle Leistung zurück, die zur Ehrung führte, ein charakteristischer Zug klassischer Ehrenstatuen. Mit der größeren Differenzierung von Rollenbildern ändert sich das in hellenistischer Zeit; Beispiele dafür werden im Zusammenhang mit anderen Porträts des Hellenismus behandelt.
 
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Römische Ehrenstatuen
 
Togastatue. Vatikan
Augustus von Prima Porta. Vatikan
Ehrenbogen mit Viergespann, Hateriergrab. Vatikan
 
In Rom waren die Anlässe für die Errichtung von Ehrenstatuen nicht so vielfältig wie in Griechenland. Sie beschränkten sich zur Zeit der Republik weitgehend auf militärische und politische Leistungen sowie ähnliche Verdienste um das Gemeinwohl.
 
Das traditionelle Bürgergewand römischer Bürger ist die Toga, die von vielen Ehrenstatuen getragen wird. In der Göttinger Sammlung ist diese Tracht u.a. durch einen Togatus aus dem 1. Jahrhundert v.Chr. vertreten.
 
Militärische Verdienste werden durch die Panzertracht zum Ausdruck gebracht. Einen besonders reich ausgeschmückten Brustpanzer trägt die Statue des Augustus von Primaporta. Diese Statue ist zwar selbst vielleicht keine Ehrenstatue, denn sie wurde in einer kaiserlichen Villa gefunden, doch ist der Statuentypus grundsätzlich für Ehrenstatuen verbreitet.
 
Die höchste Form der Ehrung in Rom ist wohl die Darstellung als Triumphator. Durch die Aufstellung der Statue des Triumphators im Wagen mit einer Quadriga auf einem Ehrenbogen wird eine solche Darstellung im Stadtbild herausgehoben. Das Relief mit öffentlichen Bauten vom Grabmal der Haterier zeigt einen von einer Quadriga bekrönten Ehrenbogen. In der Kaiserzeit waren solche Bögen in Rom Angehörigen des Kaiserhauses vorbehalten.
 
Diese Beispiele sollen an dieser Stelle genügen, um die Möglichkeiten römischer Ikonographie von Ehrenstatuen anzudeuten.
 
Bildnisse römischer Schriftsteller
 
'Postumius Albinus'. Paris, Louvre
Cicero. Rom, Musei Capitol.
Seneca. Berlin, Antikenslg.
 
Sportliche und musische Agone waren in Rom nicht üblich und wurden von Verfechtern des mos maiorum vehement abgelehnt. So gab es auch keine entsprechenden Ehrenstatuen. Auch seit Beginn der Kaiserzeit scheint sich daran wenig geändert zu haben. Das ist besonders bemerkenswert, weil in dieser Zeit das Interesse wohlhabender Römer an griechischer Kultur dazu führte, dass griechische Porträts zahlreich kopiert und in römischen Häusern und Villen aufgestellt wurden.
 
Römische Dichter fehlten in diesen Porträtgalerien. Jedenfalls sind keine inschriftlich benannten Porträts von Plautus, Vergil, Ovid und vielen anderen bekannt. Sehr wahrscheinlich ist der Grund für diese Lücke, dass keine Vorlagen zur Verfügung standen. Weil mit Dichtung keine öffentliche Anerkennung zu erwerben war, gab es in Rom auch in der frühen Kaiserzeit noch keinen Grund zur Errichtung von Dichterstatuen, wie sie in Griechenland üblich waren.
 
Andererseits kennen wir die Porträts von Cicero und Seneca, weil inschriftlich benannte Exemplare überliefert sind. Doch durchliefen diese beiden Autoren eine römische Ämterlaufbahn, in deren Verlauf sie wohl wegen ihrer Verdienste als Politiker mit Ehrenstatuen geehrt wurden. Ihr Ruhm als Redner bzw. Philosoph führte wohl dazu, dass ihre Porträts in Kopien verbreitet wurden. Aber die Vorlagen dafür verdankten ihre Entstehung wohl der traditionellen Praxis römischer Ehrenstatuen.
 
Vielleicht ist auch eines der wenigen römischen Porträts des 2. Jahrhunderts v.Chr. aufgrund eines solchen Vorgangs in mehreren Kopien überliefert. In Rom gab es schon in der Zeit der Republik so viele Ehrenstatuen, dass der zur Verfügung stehende Raum auf dem Forum mehrfach freigeräumt werden musste. Doch kopiert wurden solche Bildnisse später nicht mehr, obwohl es sich teilweise um herausragende historische Persönlichkeiten handelte. Das ausnahmsweise doch in Kopien belegte Porträt eines alten Mannes wurde mit dem Namen eines der Großen der Republik belegt, dessen Bildnis von einem Nachfahren auf Münzen geprägt wurde, Postumius Albinus. Aber diese Münzen sind nur ein zufällig erhaltener Nachklang der sonst weitgehend verschwundenen römischen Porträtkunst des 2. Jahrhunderts v.Chr. Zudem sind Münzbild und Skulptur einander nicht so ähnlich, dass sie auf denselben Entwurf zurückgeführt werden müssten.
 
Das ausnahmsweise Interesse an einer Persönlichkeit der römischen Republik, die zur Verbreitung von Kopien des Bildnisses führte, könnte wieder einem Autor gegolten haben, der auch Politiker war. Am ehesten kommt hierfür Cato (234−149 v.Chr.) infrage, der als Censor berühmt wurde und dessen Schriften zur Verteidigung des mos maiorum in der Kaiserzeit noch eifrig gelesen wurden.
 
Die lückenhafte Überlieferungslage bietet keine sichere Grundlage für weitergehende Schlüsse. Besonders bedauerlich ist, dass das römische Interesse an Kultur und Geschichte uns paradoxerweise fast nur griechische Werke in Kopien überliefert hat, während uns Porträts von Persönlichkeiten der römischen Republik und Bildnisse lateinischer Schriftsteller beinahe völlig unbekannt sind.
 
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