Von Göttern und Menschen: Theomorphe Porträts und Götterattribute
 
Der Begriff theomorph bedeutet eigentlich göttergestaltig; er wird hier vereinfachend für alle Darstellungen verwendet, in denen Menschen entweder ganz oder teilweise in Göttergestalt oder nur mit den Attributen von Göttern dargestellt sind. Diese Vereinfachung erspart umständliche Umschreibungen (z.B. "Darstellungen mit den Attributen von..."); wie berechtigt sie ist, soll die folgende Argumentation zeigen.
Alexander der Große
Die Darstellung von Menschen in Göttergestalt oder mit Götterattributen beginnt mit den Bildnissen Alexanders d. Gr. Schon in seiner Regierungsszeit begannen Künstler verschiedene Formen dafür zu entwickeln.
Alexander. Präg. Babylon/Indien 326 v. Chr.
Alexander. Präg. Babylon/Indien 326 v. Chr.
Im einfachsten Fall konnte eine sterbliche Figur ein Götterattribut halten: So erscheint Alexander d.Gr. auf einer Serie von Münzen in vollständiger Rüstung einschließlich Helm, hält dabei aber den Blitz des Zeus und wird von der über ihm schwebenden Siegesgöttin bekränzt. Auf der Rückseite dieser Münzen greift Alexander zu Pferd den indischen König Poros an, der auf einem zur Flucht gewendeten Kriegselefanten reitet. Gemeint ist der Feldzug des Jahres 327/6 v.Chr. Die Münzen wurden noch zu Alexanders Lebzeiten in Babylon oder Indien geprägt.
Alexander, Neisos-Gemme. St. Petersburg
In einem Bildtypus, der auf einer von einem Gemmenschneider Neisos signierten Gemme in St. Petersburg zu sehen ist, wird Alexander dagegen vollständig in Göttergestalt wiedergegeben. Er ist nackt, trägt die Ägis um den Arm gewickelt und den Blitz in der Hand, beides Attribute des Zeus. Der Adler des Zeus sitzt zu seinen Füßen.
Alexander. Prägung des Lysimachos
Seit etwa 322 v.Chr. wurden von Lysimachos Münzen mit dem Porträt Alexanders in der Edelmetallprägung Alexandrias geprägt, die ihn mit den Widderhörnern des Gottes Ammon zeigen.
Alexander hatte sich nach einem Zug durch 600 km wasserlose Wüste vom Orakel der libyschen Oase Siwa in einer nicht genauer bekannten Form als "Sohn des Ammon/Zeus" bezeichnen lassen und an verschiedenen Orten seines Reiches seine kultische Verehrung durchgesetzt. Die Beziehung Alexanders zu Ammon/Zeus wurde in seinen Darstellungen durch die Beigabe von Ammonshörnern ausgedrückt, die für ihn ein so charakteristisches Attribut wurden, dass man sie bis in die Spätantike wiederholte, und Alexander noch im Arabischen der "Herr der zwei Hörner" heißt.
Theomorphe Darstellungen hellenistischer Herrscher
Die Nachfolger Alexanders führten dessen Umgang mit Ikonographie und Attributen von Göttern fort. Offenbar schon in der ersten Generation der Nachfolger Alexanders konkurrierten die hellenistischen Herrscher u.a. durch die Verwendung von Götterattribute miteinander. Grund der Konkurrenz waren die wechselseitigen Ansprüche auf die Wiederherstellung des Alexanderreichs. In späteren Jahrhunderten lässt sich diese Konkurrenz auch an den Beinamen verfolgen, die teils von Göttern entlehnt waren, und mit denen die Könige sich gegenseitig zu überbieten versuchten. Die theomorphen Herrscherbilder aus der Zeit Alexanders und der Diadochen wirkten in den jeweiligen Dynastien traditionsbildend.
Formal lassen sich mehrere Arten von theomorphen Porträts unterscheiden:
1. Ausstattung mit Attributen eines Gottes
Demetrios Poliorketes
Demetrios Poliorketes
Demetrios I von Makedo- nien. Neapel, Mus. Naz.
Demetrios I von Makedo- nien. Neapel, Mus. Naz.
Att. Weihrelief. Berlin, Antikenslg.
Als Reaktion auf die Hörner des Ammon auf Münzen Alexanders ließ sich Demetrios Poliorketes auf Münzen seiner Residenz Pella mit Stierhörnern darstellen. Kleine Stierhörner im Stirnhaar zeigt auch seine in römischer Kopie überlieferte Büste in Neapel aus der Villa dei Papiri. Aus den historischen Nachrichten und Denkmälern zur Regierungszeit des Demetrios Poliorketes, der in den Jahren 306−283 v.Chr. König von Makedonien war, sind aktuelle politische Gründe für diese Stilisierung abzuleiten. Die Münzprägung des Demetrios Poliorketes gibt dem Thema seiner Siege auf See breiten Raum. In diesem Zusammenhang erscheinen auch Darstellungen des Poseidon auf seinen Münzen. Stierhörner gehören zur Ikonographie von Wassergöttern: Flussgötter und Meergötter tragen sie; ein Beispiel ist die Maske des des Flussgottes Acheloos auf einem attischen Weihrelief. Die Stierhörner an den Porträts des Demetrios Poliorketes wurden offenbar dieser Ikonographie entlehnt.
Seleukos I von Syrien
In derselben Zeit erschienen auch Darstellungen von Seleukiden mit Stierhörnern. Ein Beispiel ist das Münzbild Seleukos' I in ... Doch nicht nur Könige, sondern auch ein Pferd und sogar Elefanten trugen auf den Münzen Stierhörner. Wahrscheinlich schlossen die Seleukiden mit diesen Bildern an die Symbolik der altorientalischen Kunst an, in der übermenschliche Kräfte von Göttern und dämonischen Tierwesen durch Stierhörner bezeichnet wurden. So ist etwa die Haube eines löwen- und menschengestaltigen Mischwesens auf einem neuassyrischen Relief aus Ninive mit Stierhörnern geschmückt. Im Herrschaftsgebiet der Seleukiden, das in großen Teilen auf dem Territorium altorientalischer Vorgängerreiche lag, konnte das Verständnis dieser Bedeutung vorausgesetzt werden.
Pan
Antigonos Gonatas
Eine andere Form eines solchen rühmenden Vergleichs ist das Eintragen der Züge eines Herrschers in das Bild einer mythischen Figur: auf den Münzen des makedonischen Königs Antigonos Gonatas (277−239 v.Chr.) in Pella erscheint regulär ein jugendlicher Pan. Doch dann schleichen sich in das Bildnis des jungen Pan extremere physiognomische Züge ein und er trägt plötzlich das Diadem eines hellenistischen Herrschers. Im Nacken des Kopfes sieht man das Ende eines knorrigen Wurfholzes, das zu Pan gehört, außerdem die abstehenden Enden der Binde, die den Kopf umgibt. Dass jetzt in das Bild des Pan die Züge des bekannt hässlichen, aber philosophisch abgeklärten Antigonos Gonatas eingearbeitet sind, zeigen seltene Münzstempel, auf denen zusätzlich in den Ring, der das Porträt umgibt, die Worte BASILEOS ANTIGONOU (= des Königs Antigonos ... [Prägung oder Bild]) eingetragen sind.
Ptolemäerinnenkanne
Bildnisse von Königinnen kennen wir vor allem als kleinformatige Darstellungen der Ptolemäerinnen. Diese Königinnen tragen in Inschriften und Papyri den Beinamen Isis; dementsprechend werden sie mit dem Isisgewand und dem Füllhorn dargestellt. Neueste Untersuchungen haben jedoch erwiesen, dass das Gewand von den Königinnen auf Isis übertragen wurde.
Das Füllhorn spielt in der Kunst der Ptolemäer eine große Rolle als Bildzeichen für Fruchtbarkeit und Wohlstand, es kann von Angehörigen der Dynastie und von Gottheiten, z.B. Isis, gehalten werden.
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2. Ausstattung mit den Attributen mehrerer Götter
Die Götterattribute an Porträts verbildlichen bestimmte Qualitäten der Dargestellten, die paradigmatisch durch die Gottheiten verkörpert werden, denen die Attribute ursprünglich gehören. Wenn einer Person mehrere Qualitäten zugeschrieben werden, die verschiedene Götter vertreten, dann kann das zu einer Häufung von Attributen führen, die in der traditionellen Götterikonographie nicht zusammen vorkommen.
Alexander. Präg. Alexandria 317-306/5 v. Chr.
Der Kopf Alexanders d.Gr. ist auf Münzen aus Alexandria mit einem Elefantenskalp, Widderhörnern, einer Stirnbinde und der Ägis ausgestattet.
− Der Elefantenskalp bezeichnet ihn als Sieger über ein Heer mit Elefanten in Indien.
− Die Widderhörner verweisen auf seine Beziehung zu Ammon/Zeus.
− Die Elefantenhaut geht am Hals in eine schuppige Ägis mit Schlangenbesatz über, ein weiteres Attribut des Zeus.
− Die Binde, die am Haaransatz über die Stirn führt, ist von Dionysos entlehnt.
Ptol. König. ehem. Slg. Fouqet
Eine heute verschollene Bronzestatuette (ehemals in der Sammlung Fouquet) stellt einen ptolemäischen König mit Attributen verschiedener Götter dar. Dabei sind nicht nur rein griechische Götter berücksichtigt, sondern auch die ägyptischen Äquivalente.
− Von Hermes/Thot hat die Statuette die Flügel an den Schläfen und an den Knöcheln sowie das Lotosblatt über der Stirnmitte.
− Von Horus/Triptolemos stammen der Blattkelch, auf dem die Figur steht, und das Sä-Tuch, das man bei der Aussaat zum Tragen des Korns benutzte. Es wird wie eine Chlamys auf der rechten Schulter von einer Fibel zusammengehalten durch Festhalten des unteren Saumes über die linke Armbeuge gespannt.
− Das Füllhorn in der rechten Hand könnte auf verschiedene Gottheiten der Fruchtbarkeit und des Wohlstands verweisen. Es ist aber ganz allgemein ein häufiges Attribut ptolemäischer Könige und Königinnen.
Mehrdeutige Attribute
Es war eine poetische Erfindung der Berater am ptolemäischen Königshof und der alexandrinischen Werkstätten, die königliche Kleidung und die Herrscherinsignien mit Götterattributen zu verschmelzen: Schon das Kultbild Alexanders als Stadtgründer von Alexandria trug einen langen makedonischen Schultermantel (Chlamys), der zugleich die Ägis des Zeus war.
Ptolemaios III von Ägypten. Präg. des Ptolemaios IV
Attribute mehrerer Götter zugleich hat Ptolemaios III auf einem Münzbild: die Ägis des Zeus, den Dreizack des Poseidon und die Strahlen des Sonnengottes.
Alle diese Attribute sind in einem doppelten Sinn zu verstehen: einerseits als Kleidung oder Insigne, andererseits als Götterattribut.
− Der Mantel des Königs hat die Form einer Chlamys, die zugleich die Ägis des Zeus ist.
− Das Szepter ist zugleich der Dreizack des Meergottes Poseidon; das Knospenoberteil des Szepters bildet den mittleren Zacken des Dreizacks.
−Das Herrscherdiadem hat zwar im Nacken die charakteristischen langen Enden mit den Fransen, ist aber auf dem Kopf in einen Reif verwandelt, an dem die Strahlen des Sonnengottes ansitzen.
Ptol. König. New York
Das Irreale und Phantastische der Verschmelzungen konnte noch gesteigert werden: Eine Bronzestatuette in New York stellt einen ptolemäischen König als Reiter dar, was auf seine militärischen Funktionen hinweist.
− Wie schon Alexander trägt er einen Elefantenskalp auf dem Kopf, ein Schema, das Darstellungen des Herakles mit dem Löwenfell nachempfunden ist, aber den Sieger über Indien oder einen Sieger über bzw. mit Elefanten bezeichnete.
− Das über den linken Arm hängende Stück der Elefantenhaut ist wieder so drapiert, dass es eine leichte Mulde bildet. Auf diese Weise bekommt es die Form eines Sä-Tuches. Tatsächlich hält der König in der Rechten etwas, was vielleicht zu Recht als Saatkorn identifiziert wurde. Das Sä-Tuch kommt bei den Ptolemäern auch sonst vor und kennzeichnet diese als Garanten guter Ernte. Zugleich erinnert es an den Korngott Triptolemos bei der Aussaat. Dieser galt seinerseits als die griechische Version des jugendlichen Horus, der in Ägypten dieselbe Funktion hatte.
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Theomorphe Darstellungen: Metapher oder Herrscherkult?
Die Verbreitung der kultischen Verehrung der hellenistischen Herrscher hat fast automatisch zu der Annahme geführt, die theomorphen Darstellungen seien Ausdruck der in diesem Kult vorausgesetzten und verehrten Göttlichkeit der Herrscher. Die Könige und Königinnen seien durch die Götterattribute mit den Göttern, denen diese zugehören, gleichgesetzt bzw. verschmolzen, es sei eine Identität zwischen den Herrschern und der Gottheit vorgestellt. Die Darstellung der Regenten mit mehreren Götterattributen beruhe auf einem Synkretismus, in dem verschiedene Gottheiten in einer einzigen Gestalt verschmolzen seien, wie dies besonders in Ägypten verbreitet war.
Mehrere Argumente sprechen jedoch dafür, dass die theomorphen Darstellungen nicht Ausdruck der kultischen Verehrung der Herrscher sind oder diese voraussetzen. Sie sind vielmehr ins Bild umgesetzte Metaphern (ohne die mit diesem Begriff gern verbundene Gedankenblässe), die in poetischer Form aussagen sollen, dass die Herrscher in aussergewöhnlichem Maße eine Eigenschaft aufweisen, die durch die Gottheit, deren Attribut sie tragen, paradigmatisch vertreten wird. Trägt ein Herrscher einen Dreizack, ist er der Beherrscher des Meeres wie Poseidon, trägt er die Ägis ist er Weltherrscher wie Zeus/Ammon. Da die Darstellungen auf Vergleiche zielen, können die Herrscher auch mit Attributen mehrerer Götter gleichzeitig ausgestattet werden und somit Herrscher wie Zeus sein und zugleich Wohlleben versprechen wie Dionysos.
Die Argumente für diese Interpretation sind:
− Theomorphe Darstellungen gab es auch von Herrschern, die keinen eigenen Kult im Land hatten. Dies gilt etwa für die makedonischen Herrscher. Dennoch wurde das Bild des Antigonos Gonatas in der Münzprägung seiner Hauptstadt Pella mit dem des regulären Bildes des jugendlichen Pan verschmolzen, um darauf hinzuweisen, dass er die Gegner in panischen Schrecken versetzte.
− 294 v.Chr. besuchte Demetrios Poliorketes das seinem Herrschaftsgebiet zugehörige Athen. Die Athener sangen einen witzigen Hymnos auf ihn, in dem sie am Schluss fragten, ob es die Götter überhaupt gebe, ob sie die Menschen nicht hörten oder ob sie vielleicht gar keine Ohren hätten - deshalb wollten sie nun zu Demetrios beten. Hier wurde zwar Kult angesprochen. Aber die folgende Charakterisierung des göttlichen Naturells des Demetrios entwarf ein mythologisch unwahrscheinliches Bild: er sei Sohn des Poseidon und der Aphrodite. Diese Götter waren jedoch nie ein Paar und hatten keine Kinder miteinander: die Ausdrücke sollen zeigen, dass Demetrios Meeresherrscher wie Poseidon und schön und begehrenswert (er kam mit seiner frisch angeheirateten Ehefrau) wie ein Sohn der Aphrodite sei. Von einer Verschmelzung mit Gottheiten kann nicht die Rede sein, der metaphorische Charakter ist nur zu deutlich. Eine Parallele hat die Verbindung verschiedener Göttervergleiche in den Ptolemäerdarstellungen, bei denen die Regenten manchmal Attribute von Göttern haben, die nicht nur nach griechischer, sondern auch nach ägyptischer Vorstellung kaum gleichzusetzen sind.
− Eine weitere Stütze findet diese Deutung im Gebrauch der Symbolik in der römischen Kaiserzeit, deren Bedeutung durch zahlreiche schriftliche Parallelen zu sichern ist.
Bei dieser Deutung sind die theomorphen Darstellungen nicht Ausdruck des Herrscherkultes, sondern eher eine Parallelerscheinung, entsprechend Göttervergleichen in der Dichtung. Werden doch auch die hellenistischen Herrscherkulte in neueren Interpretationsansätzen nicht als Ausdruck der Überzeugung von einem umfassenden göttlichen Charakter der Herrscher angesehen, sondern als Rituale, die den Beziehungen zwischen den Herrschern und den Beherrschten eine Form geben. Ebenso wird in den theomorphen Darstellungen eine poetische bildliche Form gefunden, um besondere Eigenschaften zu loben, auch bezogen auf bestimmte Situationen oder in konkreten Zusammenhängen.
Diese Interpretation der Darstellungen macht es verständlich, warum man nicht nur die Herrscher mit immer wieder anderen Gottheiten verglich, sondern auch, weshalb man in den Darstellungsformen gerade nicht auf einen Kanon und eine Vereinheitlichung Wert legte, sondern eine möglichst große Variationsbreite suchte. Sie erklärt auch, weshalb die verbalen Äquivalente zu den Darstellungen variabel sind: die Herrscher können w i e Poseidon sein, ein n e u e r Poseidon oder S o h n des Poseidon.
Wandzeichnung. Nymphaion bei Kertsch
Die Vorausssetzung für diesen metaphorischen Gebrauch der Attribute liegt in der Abstraktheit der hellenistischen Bildsprache: über dem Schiff Isis, das in hellenistischer Zeit auf die Wand eines Gebäudes in Nymphaion bei Kertsch gezeichnet wurde, fliegt ein Adler mit einem Dreizack in den Fängen, der eigentlich ein Attribut des Meeresgottes Poseidon ist. Es muß der ptolemäische Adler sein, der die Meere beherrscht.
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Späte Republik
Die Machthaber der späten römischen Republik machten reichlichen Gebrauch von der metaphorischen Bildsprache, die für die hellenistischen Herrscher entwickelt worden war. Auch sie ließen ihre besonderen Fähigkeiten und Leistungen durch die Darstellung mit den Körpern und Attributen der Götter, die diese Fähigkeiten paradigmatisch verkörperten, hervorheben und rühmen.
Sextus Pompeius
Denar des Sextus Pompeius
Ein Beispiel für dieses Phänomen sind Münzen, die Q. Nasidius, ein Gefolgsmann des Sextus Pompeius, in den Jahren der Machtkämpfe nach Caesars Tod 44−40 v.Chr. prägen ließ. Sextus Pompeius war in dieser Zeit erfolgreicher Flottenkommandant und kontrollierte das tyrrhenische Meer. Alle für seine Zwecke geprägten Münzen betonen diesen Aspekt. Auf der Prägung des Nasidius wird zur weiteren Unterstützung des Herrschaftsanspruchs des Sextus Pompeius sein Vater Pompeius Magnus zitiert, dessen Vernichtung der Seeräuber im Mittelmeer seinen Ruhm als großer Seesieger begründete. Auf der Vorderseite des Münztypus des Nasidius sieht man das Porträt des Pompeius Magnus, unter dem Kopf einen Delphin und vor dem Kopf den Dreizack, das Attribut des Meergottes Neptunus. Durch die unmittelbare Zuordnung des Dreizacksymbols wird Pompeius als Beherrscher des Meeres wie Neptun gekennzeichnet. Die Vorderseitenlegende NEPTUNI verknüpft geschickt die Bildelemente und den eigentlichen Auftraggeber Sextus Pompeius. Filius Neptuni ("Sohn des Neptun") war ein Ehrenname, den Sextus Pompeius sich nach ersten Seesiegen hatte verleihen lassen. Die Legende zitiert die Bezeichnung verkürzt, zeigt aber den leiblichen Vater, der zugleich "als" Neptunus gekennzeichnet ist. Die abgebildete Münze ist ein moderner Nachguß nach einer sehr seltenen Variante dieses Münztypus, bei der der Dreizack noch zusätzlich mit dem Augurstab, dem Lituus kombiniert ist.
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Kameo des Augustus auf Tritonenquadriga. Wien, Kunsthist. Mus.
In der Auseinandersetzung zwischen Octavian/Augustus und dem Paar Marcus Antonius und Kleopatra gewann diese metaphorische Bildsprache besondere Bedeutung. Nach dem entscheidenden Sieg Octavians in der Seeschlacht bei Actium wurden Bilder des Seesiegers in allen verfügbaren Medien verbreitet. Ein Beispiel dafür ist der Kameo in Wien, auf dem Augustus als Togatus frontal in einem von Tritonen gezogenen Wagen steht. Der Wagen ist offenbar der Ikonographie des Neptunus entlehnt. Die Tritonen, die den Wagen ziehen und begleiten, tragen teils Attribute, die zu Seeszenen gehören (Ruder, Muschelhorn und Delphin), teils Attribute, die auf Sieg und Weltherrschaft verweisen (Victoria auf dem Globus und zwei Capricorni über einem Globus, die einen Schild rahmen). Die Capricorni sichern den Bezug des Bildes auf Octavian, weil sie in der augusteischen Bilderwelt auch sonst häufig vorkommen; sie spielen auf die astrologische Vorherbestimmung des Augustus zur Herrschaft an. Die prosaische Toga des Octavian wirkt in diesem Zusammenhang befremdlich, kann aber auch als Zeichen freiwilliger Bescheidung auf republikanische Traditionen gelesen werden. Der ostentative Respekt vor Institutionen der Republik wurde polemisch dem monarchischen Gehaben der Gegner Octavians entgegengesetzt. Dies schloss aber offensichtlich die Verwendung theomorpher Bilder nicht aus.
Sprachregelungen für poetische Texte und Bildgattungen
Gemma Augustea. Wien, Kunsthist. Mus.
Daneben gab es aber klar definierte Medien und Bildgattungen, gleichsam Sprachebenen, in denen die alten Göttermetaphern auch in der Kaiserzeit in Gebrauch blieben. Ihr wichtigster Bereich war die Dichtung, die weiterhin in poetischen Bildern die Wirkungsweisen der Principes durch Vergleiche mit Göttern charakterisierte.
Ebenso benutzte man auf den kostbaren Reliefarbeiten in farbig geschichtetem Halbedelstein (Kameen), die dem Kaiser geschenkt oder von ihm verschenkt wurden, die poetischen Bilder. So ist im oberen Register der Gemma Augustea in Wien zwar links Tiberius zu sehen, der von einem von der Siegesgöttin Victoria gelenkten Wagen absteigt und dabei oder die Triumphaltoga trägt.
In der rechten Hälfte aber sitzt Augustus mit Roma auf einem gemeinsamen Thron. Er ist in den sonst für Jupiter typischen um die Hüfte gelegten Mantel gekleidet, unter dem Thron sitzt der Adler des Jupiter, weitere Personifikationen begleiten ihn. Dass es bei diesem Bild nicht um eine Vergöttlichung des Kaisers oder um die Illusion geht, er sei wirklich ein Gott, zeigt der Augurstab (Lituus), den er zugleich in der Rechten hält. Das bei den Machthabern der Republik vielfach dargestellte Attribut wies auf die Herstellung guter Beziehungen zu den Göttern hin, die höheren Amtsinhabern oblagen.
Grand Camée de France. Paris, Bibl. Nat.
Noch deutlicher sind die Metaphern am Grand Camée de France in Paris aus der Zeit des Tiberius. Der verstorbene und divinisierte Augustus sowie die verstorbenen und als entrückt gedachten Prinzen Drusus d.Ä. und Germanicus schweben gen Himmel. Der regierende Kaiser Tiberius thront gemeinsam mit Livia. Er selbst ist durch die als Hüftmantel getragene Ägis des Zeus und ein Szepter als Weltherrscher gekennzeichnet - doch verzichtet man auch in diesem Fall nicht auf den Lituus. Neben Tiberius sitzt seine Mutter Livia, die Witwe des Augustus. Ihre göttlichen Attribute und Beigaben charakterisieren sie in ihrer Mutterrolle: Neben ihr kauert in orientalischem Gewand der jugendliche Gott Attis, der mythische Gefährte der großen kleinasiatischen Muttergottheit, Magna Mater. In der Rechten hält Livia Ähren und Mohn, die Attribute der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter/Ceres, die ebenfalls eine Muttergottheit ist.
Kameo Marlborough. Chicago, The Art Institute
Ein einfacheres Beispiel ist ein Kameo ehemals in der Sammlung Marlborough mit einer Darstellung des bescheidenen Kaisers Claudius in einer Kostümierung, wie man sie aus Darstellungen Alexanders kannte: mit der als Hüftmantel getragenenen Ägis des Zeus und dem Blitzbündel in der Hand. Neben ihm hockt der Adler des Zeus.
Vielfach ist vermutet worden, diese Kabinettstücke, die zweifellos nur am kaiserlichen Hof und in sehr wohlhabenden Kreisen gesammelt wurden, repräsentierten eine nur hinter vorgehaltener Hand eingestandene Geheimideologie vom monarchischen Charakter der principes. Doch enthalten sie keine anderen Aussagen als die Dichtung, die jedermann zugänglich war. Auch mit dem Kaiserkult haben diese Darstellungen ebenso wenig zu tun wie die Dichtung. Die in hellenistischer Zeit entstandene Gattung behält die poetische Bildsprache bei, die bei diesen luxuriösen Sammelstücken seit jeher üblich war. In beiden Gattungen, Dichtung und Kameen, war klar, dass es sich um poetische Bilder und nicht um ernsthafte Ansprüche auf Göttlichkeit handelte.
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Der nach seinem Tod divinisierte Kaiser − teils Mensch, teils Gottheit
Grand Camée de France. Paris, Bibl. Nat.
Wieder auf eine andere Ebene gehörten die Darstellungen verstorbener Kaiser, denen nach ihrem Tod vom Senat in Rom ein Staatskult eingerichtet wurde. Für das Verständnis des Phänomens ist es wichtig zu wissen, dass diese Kulte stets von den direkten oder indirekten Nachfolgern vorgeschlagen und vom Senat bestätigt wurden. Die neuen Kaiser waren von den verstorbenen zu Nachfolgern vorgeschlagen worden, oder behaupteten das zumindest, um damit ihre Nachfolge zu legitimieren. Mit der offziellen Aufnahme eines verstorbenen Kaisers unter die Götter bestätigte der Senat die exemplarische Handlungsweise des neuen divus und legitimierte damit auch seine Auswahl eines Nachfolgers. Unter diesen Umständen war es offenbar nicht wichtig, kohärente Vorstellungen von der göttlichen Gestalt der divi zu entwickeln. Sie wurden gern mit Götterattributen und -körpern dargestellt, wie der divus Augustus mit der Strahlenkrone des Sonnengottes und dem griechischen Mantel Saturns, des Gottes des Goldenen Zeitalters, auf dem Grand Camee. Die divi konnten aber ebensogut als Togati dargestellt werden.
Die Kaiserkulte außerhalb Roms und ihre Bilder
Verweigerung der Anbetung des Herrscherbildes. Rom, San Sebastiano
Nochmals auf einer anderen Ebene lag die kultische Verehrung lebender Herrscher. Sie war in Rom und damit im engeren Wirkungskreis des Senats bis zum Ende des 3. Jahrhunderts n.Chr. nicht üblich und möglich. Sie wurde zunächst im Gefolge hellenistischer Traditionen des Umgangs mit Herrschern im griechischen Osten weitergeführt, war dann aber schon sehr bald auch im Westen und bis in die nächste Umgebung Roms hinein üblich. In diesem Kontext konnten auch lebende Herrscher in großformatigen göttergestaltigen Statuen wiedergegeben werden.
Diese Regeln wurden streng eingehalten. In historischen und archäologischen Untersuchungen wurden lange Zeit diese Bedeutungsebenen und Sprachregelungen vermischt. Alles wurde unter dem Begriff der Göttlichkeit der Kaiser subsumiert. Doch dadurch entgehen der Forschung gerade die wesentlichen Spielregeln in der eigenwilligen Konstruktion der Herrschaftsform des Prinzipats und im Umgang der Kaiser mit Senat und der Reichsbevölkerung, den diese Konstruktion erforderte.
Theomorphe Kaiserbilder werden auch in Rom zulässig
Agrippina minor
Claudius, Agrippina minor, Germanicus, Agrippina maior auf 'Füllhornkameo'. Wien, Kunsthist. Mus.
Mit der Konsolidierung des Prinzipats und der Sicherheit, dass der mühsam errungene politische Ausgleich nicht gefährdet wurde, schwanden allmählich die Bedenken gegen theomorphe Darstellungen der Kaiser selbst bei offiziellen Darstellungen. Ganz beseitigt wurden sie nie. Besonders an den Münzen und auch an Kameen kann man sehen, wie allmählich Attribute aus der hellenistischen Tradition geläufig wurden, z.B. die Ägis.
Für die metaphorische Bedeutung der theomorphen Darstellungsformen seit der frühen Kaiserzeit ist es jedoch bezeichnend, dass sie zuerst für Frauen und Kinder eingeführt wurden. In der römischen Reichsprägung treten als erste Personen Julia, die Tochter des Augustus um 14. v.Chr., und wesentlich später Agrippina minor mit Götterattributen auf. Julia wird mit dem Köcher der Diana und Agrippina mit dem Ährenkranz der Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttin Ceres dargestellt. Frauen und Kinder gehören zu den Personengruppen, zu deren Ruhm wenig zu sagen ist, wenn man in der Tradition des römischen Wertekanons bleibt, der neben politischen, magistratischen Ämtern kaum etwas anderes gelten ließ. Deshalb mussten positive Eigenschaften von Frauen, Kindern und Männern niederen Rangs durch den Vergleich mit Göttern hervorgehoben werden.
Die rangbezeichnenden Trachten der Porträts von principes und anderen Männern in Führungspositionen genossen das höchste Ansehen. Theomorphe Bilder rangierten darunter; sie waren nicht besonders anspruchsvoll, sondern nur poetisch.
Theomorphe Darstellungen in nicht-kaiserlichen Gräbern ("Privatapotheose")
Porträtstatue. Kopenhagen, NCG
Innenausstattung von Grabbau, Hateriergrab. Vatikan
Diese Deutung wird durch den großen Erfolg bestätigt, den theomorphe Bildnisse in der Grabkunst von Privatleuten hatten. Seit claudisch-neronischer Zeit finden sich aufwendige Grabformen, in denen vor allem Frauen und Kinder mit Götterkörpern und -attributen dargestellt werden. Das bekannteste Beispiel ist eine Frauenstatue in Kopenhagen mit einem ältlichen Porträtkopf der trajanischen Zeit und dem Körper im Typus der kapitolinischen Venus. Wie andere Beispiele muss sie in einem Grabbau gestanden haben. Von solchen Einrichtungen zeugt die Darstellung eines Grabbaus auf einem der zahlreichen Reliefs, die das Hateriergrab aus trajanischer Zeit in Rom geschmückt haben. Der Besitzer des Grabes, ein Bauunternehmer, ließ dort die Arbeiten an einem reich verzierten Grabbau darstellen. Ein Blick in dessen Inneres ist sozusagen auf das Dach projiziert. Dargestellt ist ein sog. Klinen-Monument, das die Verstorbene auf ihrem Lager ruhend zeigt. Daneben steht eine Nischenarchitektur mit einer weiteren Darstellung der Verstorbenen "als" Venus. Von den zahlreich erhaltenen Grabepigrammen ist zwar keines mit einer der erhaltenen Statuen zu verbinden. Aber sie geben den Ton vor, auf dessen Höhe auch die Sprache der Bilder liegt.
Eine Inschrift von einem Grabbau an der Via Appia bei Rom nennt AEDICULAE / IN QUIBUS SIMULACRA CLAUDIAE SEMNES IN FORMAM DEORUM, also "kleine Schreine, in denen Darstellungen der Claudia Semne in Gestalt von Gottheiten" stehen sollten. Eine weitere Inschrift aus dem Inneren desselben Grabbaues führt die Göttinnen auf, mit denen Claudia Semne gleichgesetzt wurde: FORTUNAE / SPEI VENERI ET MEMORIAE CLAUD. SEMNES / SACRUM.
Diese Beispiele zeigen, dass die verbreitete Bezeichnung "Privatapotheose" für dieses Phänomen in die Irre führt. Keine Vergöttlichung nach dem Tode ist gemeint, sondern die Eigenschaften werden gelobt, die die Verstorbenen zu Lebzeiten hatten. Dies erweisen vor allem die Fälle, in denen gleich mehrere Darstellungen der Verstorbenen in verschiedenen Posen und "Götterkostümen" in einem Grab standen, wie im genannten Grab der Claudia Semne, die als Fortuna, Spes und Venus auftrat. Die Bevorzugung dieser Darstellungsformen für Frauen und Kinder ist in diesen Bauten noch auffallender als bei den Angehörigen von Kaiserhäusern.
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Die Verstorbenen in Gestalt mythologischer Figuren auf römischen Sarkophagen
Achilleus-Penthesileia-Sarkophag. Vatikan
Seit Beginn des 2. Jahrhunderts n.Chr. ließen sich die Römer in marmornen Reliefsarkophagen bestatten, auf denen oft griechische Mythen als Allegorien auf Tod, Trauer oder auf die positiven Eigenschaften der Verstorbenen eingesetzt sind. Im Lauf des 2. und 3. Jahrhunderts n.Chr. werden mythologische Sarkophagreliefs immer häufiger, deren Hauptfiguren mit den Porträts der Verstorbenen ausgestattet sind. So wurden die Verstorbenen metaphorisch mit den Eigenschaften und den Schicksalen der mythischen Figuren verbunden: Stark wie Achilleus, schön und tapfer wie eine Amazone, vom Tod dahingerafft wie Persephone etc.
Abnehmendes Interesse an theomorphen Kaiserdarstellungen in der späten Kaiserzeit
Macrinus, Typus 1
Tetrarchen, Augusti. Venedig
Im Laufe der Kaiserzeit wurde der monarchische Charakter der Regierungsform trotz der anderslautenden Prinzipatsideologie immer deutlicher. Gleichzeitig nahm die Vorstellung von einem charismatischen Gehalt des Kaisertums unterschwellig zu. Erstaunlicherweise führte dies nicht zu einem verstärkten Bedürfnis, die charismatischen Eigenschaften der Kaiser durch theomorphe Darstellungen zu betonen. Vielmehr richtete sich das Interesse zunehmend auf reale Insignien und neue Repräsentationsformen. Theomorphe Darstellungen bleiben Ausnahmen. Sie waren wohl zu poetisch und traten deshalb mit der Zeit eher in den Hintergrund.
Selbst die häufig auf den Münzen des 3. Jahrhunderts n.Chr. begegnende Ausstattung der Kaiser mit einer Strahlenkrone, die ein von den Stahlen des Sonnengottes hergeleiteter Pseudogegenstand war, hat nichts mit einer Neigung zu göttlicher Ausstattung der Herrscher zu tun. Strahlenkronen waren zu einem Kennzeichen von Doppelnominalen auf Münzen geworden. Und der Antoninian, das am weitesten verbreitete Nominal des 3. Jahrhunderts n.Chr., war ein Doppeldenar. Aus diesem Grund erschienen die Kaiser des 3. Jahrhunderts n.Chr. im Münzbild so häufig mit der Strahlenkrone.
Noch die Bezeichnung der gemeinsam am Ende des 3. Jahrhunderts n.Chr. regierenden Kaiser Diokletian und Maximianus Herculeus als Iovius und Herculeus, also als dem Jupiter bzw. Hercules zugehörig oder gleich, hatte kaum das Ziel, ihre wesenhafte Göttlichkeit zu bezeichnen, sondern sollte ihr Rangverhältnis umschreiben: In der prekären Konstruktion einer gemeinsamen Regierung hatte Maximianus zwar den gleichen Rang eines Augustus wie Diokletian, war aber doch leicht untergeordnet. Im vollen Glanz ihrer Majestät präsentierten diese Herrscher sich nun weniger durch theomorphe Bilder als durch Porphyrmaterial und Edelsteinschmuck, wie es die Figurengruppe aus rotem Porphyr in Venedig veranschaulicht.
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Bis zum Ende der Antike blieben theomorphe Darstellungen also metaphorische und anspielungsreiche Ausdrucksmittel einer Bildsprache, die mit visuellen Mitteln auf ähnliche Wirkungen zielte wie die verbalen Formen in der poetischen Sprache der Dichtung. Nur die eifernden Apologeten des Christentums haben die Bildsprache der theomorphen Darstellungen absichtlich missverstanden und wörtlich genommen, um die heidnischen Bräuche zu verunglimpfen.