Porträtfotografie
 
 
Caesar, Typus Agliť. Turin
Pompeius. Kopenhagen, NCG
Traianus Decius. Rom, Musei Capitol.
 
Antike Porträts waren dafür bestimmt, in direkter Begegnung gesehen zu werden. Deshalb ist es wichtig, Porträts im Original oder zumindest im Gipsabguss zu studieren. Aber das ist nicht immer möglich. Häufig lernen wir Porträts zuerst in Fotografien kennen; Vergleiche von verschiedenen Porträts am Schreibtisch stützen sich auf Fotoserien.
 
Das moderne Medium Fotografie beeinflusst also die Sicht und die wissenschaftliche Beurteilung von antiken Porträts. Darum ist es nötig, sich über die Wirkung des Mediums auf die archäologische Arbeit klar zu werden.
 
Standardansichten
 
Für die archäologische Fotografie ist als Standard eine Dokumentation mit mindestens vier Ansichten wünschenswert: Frontalansicht, beide Seitenansichten und Rückseite. Solche Ansichten finden sich z.B. hier in der Datenbank des Virtuellen Museums. In vielen Museen ist dieser Standard nicht zu erreichen, wenn Skulpturen in der Ausstellung nicht von allen Seiten zugänglich sind.
 
Caesar, Typus Agliť. Turin
Caesar, Typus Agliť. Turin
 
Caesar, Typus Agliť. Turin
Caesar, Typus Agliť. Turin
 
Die Ansichtsseiten der dokumentarischen Fotografie richten sich nach den Achsen der Köpfe, die durch Stirn, Wangenknochen und Nase festgelegt sind. Diese Fotos zeigen die direkte Frontalansicht, die beiden Profilansichten und die Rückseite.
 
Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass sie Vergleichbarkeit gewährleistet. Das ist z.B. nützlich für die Gegenüberstellung von mehreren Kopien nach einem Original; Übereinstimmungen und Abweichungen der einzelnen Exemplare untereinander lassen sich so leichter bestimmen. Solche Fotos sind allerdings noch immer nicht die Regel. Häufig werden Porträts aus anderen Aufnahmewinkeln aufgenommen: wegen ungünstiger Bedingungen, wegen Unachtsamkeit oder aus dem Wunsch, effektvolle Bilder zu erzeugen.
 
Wechselnde Blickpunkte
 
Caesar, Typus Agliť. Turin
Caesar, Typus Agliť. Turin
 
Als erstes Beispiel für die Wirkung unterschiedlicher Ansichten ist hier das Bildnis Caesars aus Tusculum in Turin gewählt. Dieses Porträt wurde unter dem Eindruck unterschiedlicher Fotografien in der archäologischen Literatur ganz unterschiedlich beurteilt. Denn durch wechselnde Ansichtswinkel verändert sich der Ausdruck des Porträts erheblich.
 
Die linke Aufnahme zeigt das Bildnis in Frontalansicht mit dem Objektiv der Kamera vor der Mitte des Gesichts. Der asymmetrische Bau des Kopfes ist deutlich zu erkennen. Das verwendete Streulicht lässt die Modellierung und die Struktur der verwitterten Oberfläche deutlich erkennen.
 
Das Bildnis schaut seine Betrachter in dieser Ansicht ruhig aber aufmerksam an.
 
Ganz anders ist die Wirkung des rechten Fotos, das von einem etwas tiefer liegenden Blickpunkt aufgenommen wurde: Der Blick geht über die Betrachter hinweg; das Gesicht bekommt einen hochmütigen Ausdruck.
 
Caesar, Typus Agliť. Turin
Caesar, Typus Agliť. Turin
 
Die Aufnahme von einem höheren Blickpunkt erzielt die entgegengesetzte Wirkung. Im Vergleich mit der Frontalansicht im linken Bild ist in der Ansicht von weiter oben im rechten Bild der Ausdruck des Porträts in sich gekehrt, beinahe schläfrig.
 
Die Verschiebungen des Blickpunktes sind in beiden Fällen nicht so stark, dass sie unmittelbar ins Auge fallen; sie werden hier in der Gegenüberstellung mit der Frontalansicht deutlich. Wenn, wie meist, eine solche Vergleichsmöglichkeit fehlt, ist ein kritischer Blick auf die angebotenen Aufnahmen nötig: An Stellung und Sichtbarkeit von Kinn und Hals, Stirn und Oberkopf sowie der Ohren lässt sich der gewählte Aufnahmewinkel meist bestimmen.
 
Dennoch sollte der erste Eindruck eines suggestiven Fotos nicht unterschätzt werden. Meist lässt sich dieser Eindruck nur durch Studium der Skulptur selbst (am Original oder Gipsabguss) korrigieren.
 
Caesar, Typus Agliť. Turin
Caesar, Typus Agliť. Turin
 
Wechselnde Beleuchtung
 
Neben der Wahl des Blickpunktes spielt die Beleuchtung bei der Fotografie von Porträts eine wichtige Rolle.
 
Starkes Seitenlicht bringt die plastische Modellierung durch Mulden und Hebungen nur wenig in Erscheinung; sie werden vom starken Licht überstrahlt. Dafür treten lineare Elemente, z.B. die Falten auf Stirn und Hals, besonders stark hervor. An diesen Stellen bilden sich dunkle Schlagschatten. Der Kopf erinnert so an eine durch kräftige Kerben dominierte Schnitzarbeit. Die Qualität der Bildhauerarbeit kommt nicht voll zur Geltung.
 
Eine derartig extreme Ausleuchtung ist allenfalls für Hilfsaufnahmen zu gebrauchen, wenn dadurch einzelne Details schärfer hervorgehoben werden können, die bei gleichmäßiger Beleuchtung verborgen blieben. So sind Streiflichtaufnahmen geeignet, Spuren der Oberflächenbehandlung, stark verriebene oder getilgte Inschriften und andere nachträgliche Überarbeitungen sichtbar werden zu lassen. An diesem Porträt Caesars ist dergleichen allerdings nicht zu entdecken.
 
Caesar, Typus Agliť. Turin
Caesar, Typus Agliť. Turin
 
Noch problematischer ist starkes Licht von seitlich unten. Diese Beleuchtungsart wird wegen ihrer dramatischen Effekte immer wieder gern verwendet; für die archäologische Arbeit bringt sie aber keine brauchbaren Ergebnisse, wie das rechte Bild illustrieren kann.
 
Plastische Formen in der rechten Gesichtshälfte werden überstrahlt, so dass z.B. das Auge fast verschwindet. Auf der linken Seite des Kopfes bilden sich dagegen Schlagschatten, in deren Dunkelheit die Formen auch nicht mehr zu erkennen sind.
 
In den Übergangszonen sind zwar Details stark konturiert, die Textur der Oberfläche ist dort überdeutlich zu erkennen; aber die plastische Form wird insgesamt verunklärt, viele Einzelheiten sind überhaupt nicht wahrzunehmen.
 
Mit den vier Standardansichten und den Problemen ihrer Beleuchtung sind die Anforderungen an die Fotografie antiker Porträts noch nicht erschöpft. Es ist auch noch zu bedenken, dass viele der Köpfe, die heute erhalten sind, Fragmente von Porträtstatuen sind. Die Haltung und Wendung des Kopfes auf der Statue bestimmte entscheidend ihre Wirkung auf die antiken Betrachter.
 
Hauptansichtsseite
 
Caesar, Typus Agliť. Turin
Caesar, Typus Agliť. Turin
 
In der Regel kann man davon ausgehen, dass Betrachter frontal auf eine Skulptur zugingen, d.h. dass der Körper von vorne präsentiert wurde. Wenn der Hals gebeugt oder der Kopf gedreht war, wurde das Gesicht auf den ersten Blick nicht frontal gesehen, sondern wahrscheinlich in Dreiviertelansicht und Unteransicht.
 
Der Porträtkopf des Caesar aus Tusculum zeigt einige Merkmale, die auf eine nicht frontale Hauptansicht schließen lassen: Die Lage der Halsgrube und die Falten am Hals lassen klar erkennen, dass der Kopf leicht zur rechten Schulter gedreht war. Hinzu kommt die asymmetrische Gestaltung des Schädels, die in der Vorderansicht unvorteilhaft wirkt. Nimmt man einen Blickpunkt ein, der auf die wahrscheinliche Frontalansicht der Statue ausgerichtet ist, wie sie die Lage der Halsgrube vorgibt, ergibt sich ein korrigiertes Bild. Der links stark ausladende Schädel fügt sich einer Konturlinie ein, die einen mächtig ausladenden Hinterkopf umschreibt. Die in der Frontalansicht des Gesichtes etwas schief stehende Nase bildet in dieser Ansicht die gerade Mittelachse des Gesichtes. In dieser Ansicht wird das Bildnis Caesars zum formal und inhaltlich stimmigen Porträt eines souveränen, tatkräftigen Staatsmannes.
 
Die Suche nach einem geeigneten Blickpunkt für die Fotografie kann also gleichzeitig zur Suche nach einem besseren Verständnis der Skulptur genutzt werden.
 
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Kopfneigung und -wendung
 
Pompeius. Kopenhagen, NCG
 
Die Suggestivkraft der Fotografie zeigt sich besonders deutlich am Beispiel des Porträts des Pompejus in Kopenhagen. Der Kopf ist knapp unter dem Kinn gebrochen; seine Haltung und auch der Aufnahmewinkel der meisten Fotografien wird darum heute durch die moderne Sockelung bestimmt. Der Eindruck, den diese Ansicht auf die Betrachter machte, schlug sich in teils vehement vorgetragenen negativen Beurteilungen nieder, die sich bis auf die Persönlichkeit des Dargestellten erstreckten.
 
Die Mimik des Kopfes zeigt aus diesem Blickwinkel einen seltsamen Widerspruch zwischen der pathetischen Stirnpartie mit den aufgeworfenen Haaren und den Falten über den hochgezogenen Brauen einerseits und dem ruhigen Untergesicht mit den kleinen, von den Lidern weitgehend bedeckten Augen und dem von manchen Interpreten als zaghaft lächelnd verstandenen Mund andererseits. Angesichts dieses Bildnisses fiel das Urteil leicht, Pompejus sei ein Politiker gewesen, der den eigenen Anspruch auf Größe nicht einlösen konnte.
 
Pompeius. Kopenhagen, NCG
Pompeius. Kopenhagen, NCG
 
Pompeius. Kopenhagen, NCG
Dieser Eindruck wird modifiziert, wenn man das Porträt aus einem leicht anderen Blickwinkel betrachtet, bei dem das Porträt etwas weiter nach hinten geneigt ist (rechte Abbildung). Der beinahe einfältige Ausdruck des Gesichtes in der verbreiteten Ansicht verschwindet; Pompejus blickt die Betrachter mit gelassenem, überlegenem Blick an.
 
Das untere Bild zeigt, mit welch geringer Änderung des Blickwinkels diese Änderung des Ausdrucks bewirkt wurde. Der Keil unter dem Sockel des Porträts gibt den Winkel der Neigung nach hinten; während die Kamera der Vergleichbarkeit halber zwischen den beiden Aufnahmen oben nicht bewegt wurde.
 
Pompeius. Kopenhagen, NCG
Pompeius. Kopenhagen, NCG
 
Nahaufnahmen der Mundpartie zeigen besonders deutlich, wie eine veränderte Perspektive Ausdruck und Wahrnehmung des Porträts beeinflussen kann: Während das Foto links einen Mund mit fest aufeinandergepressten Lippen und einem eher hochmütigen Ausdruck zeigt, scheint derselbe Mund auf dem Foto rechts milde zu lächeln.
 
Die Aufnahmen zeigen auch, dass die Mundpartie des Pompejusporträts mit Grübchen, Mulden und Falten plastisch sehr detailliert gebildet ist. Dies ist ein Beweis hoher bildhauerischer Qualität, aber zugleich ein Indiz dafür, dass der Ausdruck des Porträts bewusst nicht festgelegt wurde, sondern je nach Blickwinkel und Beleuchtung wechseln konnte. Auf diese Weise gewinnt das Bildnis eine Lebendigkeit, die nicht im Foto festzuhalten ist.
 
Pompeius. Kopenhagen, NCG
Pompeius. Kopenhagen, NCG
 
Dennoch ist auch bei diesem Bildnis die Frage nach der Hauptansicht zu stellen. Die Schrägansicht auf die linke Seite zeigt am Hals Quetschfalten, die darauf schließen lassen, dass der Kopf zu dieser Seite hin gedreht war. Also war er wohl für eine erste Ansicht schräg auf seine rechte Seite bestimmt. In dieser Perspektive treten markante Details gut hervor, z.B. die Vertikalfalten auf der linken Wange. Außerdem werden Asymmetrien deutlich, wie etwa an den unterschiedlich modellierten Augen, dem Haarschopf über der Stirn oder in der Mundpartie. Wenn dies die geplante Hauptansicht war, müssen diese Unregelmäßigkeiten der Physiognomie bei einer Interpretation berücksichtigt werden.
 
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Achsen der Komposition
 
Traianus Decius. Rom, Musei Capitol.
Viel später als die bisher betrachteten Bildnisse von Protagonisten der späten Republik ist das Porträt des Kaisers Decius entstanden, der im 3. Jahrhundert n. Chr. regierte. In der Standardansicht von vorn fallen starke Asymmetrien im Bau des Kopfes auf. Die Nase sitzt schief im Gesicht; die Falten, die von ihr zum Mund führen, sind verschieden tief ausgeprägt; sogar die Steilfalten über der Nasenwurzel verlaufen schräg.
 
Der Ausdruck des Kopfes wirkt schmerzlich, doch ist zu fragen, ob dies bei einem offiziellen Porträt eines regierenden Kaisers eine beabsichtigte Bildaussage sein kann.
 
Da der Hals des Porträts erhalten ist, kann die Neigung des Kopfes zu seiner linken Seite problemlos bestimmt werden.
 
Traianus Decius. Rom, Musei Capitol.
In der Fotografie von schräg rechts auf die so bestimmte Ansichtsseite des Porträts gleichen sich die Asymmetrien des Kopfes aus. Die Nase und die Stirnfalten darüber stehen nun senkrecht und bilden zusammen mit den horizontalen Stirnfalten und dem Mund ein klares Achsengerüst.
 
Der Gesichtsausdruck wirkt in dieser Ansicht auch nicht mehr schmerzlich, sondern energisch.
 
Traianus Decius. Rom, Musei Capitol.
Traianus Decius. Rom, Musei Capitol.
 
Dass es sich bei der Schrägansicht von rechts um die Hauptansicht handeln muss, bestätigt ein Blick auf die entgegengesetzte Seite des Kopfes. In der Ansicht von schräg links verstärken sich die Asymmetrien nicht nur um Mund und Nase, auch das linke Auge scheint herabzuhängen. Außerdem wird der Kopfumriss zu einer unruhigen Linie, der Schädel scheint an mehreren Stellen eingedellt.
 
Auch im Fall des Deciusporträts beeinflusst also die Wahl des Blickpunktes die Wahrnehmung und die mögliche Interpretation des Bildnisses.
 
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Angesichts der Bedeutung der Fotografie für die Kenntnis antiker Porträts ist es nötig, sich stets der Beeinflussungsmöglichkeiten des Mediums bewusst zu bleiben. Beurteilungen sollten nach Möglichkeit nicht allein auf Fotografien gestützt werden. Andererseits müssen Fotografien, die zur Unterstützung einer bestimmten Interpretation publiziert werden, kritisch betrachtet werden. Schließlich ist zu berücksichtigen, dass Fotos auch auf eine gewünschte Aussage hin manipuliert werden können.