Auslöschung des Gedenkens: damnatio memoriae
 
Nach antiker Vorstellung waren die Dargestellten in ihrem Porträt präsent. Darum konnte ein Porträt bei Amtshandlungen den Kaiser vertreten, auf Münzen bürgte es für den Wert des Geldes usw. Umgekehrt konnte man den Dargestellten treffen, indem man sein Bild beschädigte oder vernichtete.
 
Der Sturz von Denkmälern begleitete darum den Sturz verhasster Herrscher − ein noch heute praktiziertes Verfahren. In römischer Zeit wurden Bildnisse mit der Erklärung der damnatio memoriae, der offiziellen Verdammung des Angedenkens eines gestürzten Machthabers, zur Zerstörung freigegeben.
 
Die Zerstörung von Bildnissen war der direkteste und spektakulärste Weg, die Erinnerung an einen Herrscher auszulöschen. Daneben gibt es noch einen pragmatischeren Umgang mit den Porträts geächteter Herrscher: Da die Funktion, die ein Herrscherporträt erfüllen sollte, nach dem gewaltsamen Ende des Dargestellten von einem Nachfolger übernommen werden musste, war Anpassung an die neuen Verhältnisse durch Umarbeitung weit verbreitet. Die alte Statue erhielt einen neuen Kopf, manchmal auch nur der vorhandene Kopf ein neues Gesicht. Beispiele für alle diese Vorgänge sind erhalten.
 
Alexander Severus. Bochum
Alexander Severus. Bochum
Ein Porträtkopf des Alexander Severus aus Bronze zeigt Spuren seines gewaltsamen Sturzes. Das Gesicht ist durch mehrere Hiebe mit einer Hacke oder einem ähnlichen Werkzeug entstellt. Offenbar richtete sich die Wut vor allem auf die Augenpartie. Mit einem weiteren Schlag in den Nacken sollte der Kopf von der Statue getrennt, gewissermaßen enthauptet werden.
 
Alexander Severus war schon als 13-jähriger 222 n. Chr. Kaiser geworden; 235 n. Chr. wurde er von Soldaten seines Heeres auf einem Feldzug in der Nähe von Mainz erschlagen. Die Soldaten folgten dabei dem Befehl ihres Anführers Maximinus, der als Nachfolger des Alexander Severus zum Kaiser ausgerufen wurde. Dieser gewaltsame Umsturz, der zugleich das Ende der severischen Dynastie bedeutete, war auch die Voraussetzung für den Sturz und die Verstümmelung der Bildnisse des Alexander Severus.
 
Titus, Typus 1 (ehem. Nero). Slg. Wallmoden (Göttingen)
Titus, Typus 1 (ehem. Nero). Slg. Wallmoden (Göttingen)
Auch der gewaltsame Sturz des Kaisers Nero bedeutete 68 n. Chr. den Sturz einer Dynastie, die von Augustus begründet worden war. Sein Angedenken wurde vom römischen Senat verdammt.
 
Aus den Kämpfen um seine Nachfolge ging Vespasian als Sieger hervor, dem seine beiden Söhne Titus und Domitian nachfolgten. Sie wurden schon in der Regierungszeit ihres Vaters mit Statuen geehrt. Zur Ehrung der neuen Dynastie bediente man sich der reichlich vorhandenen Porträts des Nero; bemerkenswert viele Porträts dieser drei Herrscher sind aus Nero-Porträts umgearbeitet.
 
In der Sammlung Wallmoden in Göttingen wird ein Porträt des Titus aufbewahrt, das Spuren der Umarbeitung trägt. Offenbar wurden nur das Gesicht und die Haare auf dem Vorderkopf überarbeitet. Sieht man den Kopf von der Seite an, erkennt man vor den Ohren flüchtig gearbeitete kleine Ringellocken. Auf dem Hinterkopf liegen die Haare dagegen in langen Strähnen, die sorgfältig modelliert sind. Die langen Strähnen hinten gehören zum ursprünglichen Porträt; vorn wurde die langsträhnige Frisur des Nero abgearbeitet und durch die kurzlockige Frisur des Titus ersetzt. Das Gesicht ist bemerkenswert schmal, was die Ohren in der Vorderansicht deutlich abstehen lässt. Dieser Effekt entsteht bei Umarbeitungen, weil für das neue Gesicht Marmor abgetragen werden muss, während es mangels Masse nicht möglich ist, auch die Ohren zurückzuarbeiten.
 
So bringen Umarbeitungen Porträts hervor, die als Notlösungen von den zugrundeliegenden Entwürfen der offiziellen Herrscherporträts abweichen müssen und manchmal wie groteske Karikaturen wirken (der Kopf in Göttingen ist durch moderne Ergänzungen an Kinn und Nase noch weiter entstellt). Es ist erstaunlich, dass auch solche Kaiserbildnisse in der Antike offenbar klaglos akzeptiert wurden. Doch ist zu bedenken, dass eine solche Anpassung von Kaiserbildnissen an die aktuelle Situation schneller und billiger durchzuführen war als der Auftrag für eine neue Statue. Die Funktion, die die Statue zu erfüllen hatte, war wichtiger als Ähnlichkeit mit ihrem Vorbild oder gar ihr Wert als Kunstwerk.
 
Im vorhergehenden Text konntest du lesen, wie man in der Antike z.B. mit Denkmälern ehemaliger Herrscher umging. Überlege dir aktuelle Beispiele für die "damnatio memoriae" und diskutiere mit deinem Nachbarn über den Sinn dieses Vorgehens.
 
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