Alexander als jugendlicher Held
 
Alexandermosaik Strichzeichnung
 
Alexander d. Große lebte von 356 bis 323 v. Chr. Nach der Ermordung seines Vaters, des Makedonenkönigs Philipp II, kam Alexander 336 v. Chr. im Alter von 20 Jahren in Makedonien an die Regierung. In den Folgejahren eroberte er auf ständig fortgesetzten Eroberungsfeldzügen ein riesiges Weltreich zwischen Griechenland und Indien; dabei wurde das persische Großreich zerstört.
 
In den wenigen Jahren seiner Regierung veränderte Alexander das Gefüge der antiken Staatenwelt grundlegend, auch wenn sein Reich bald nach seinem Tod in mehrere kleinere, miteinander konkurrierende Reiche aufgeteilt wurde. Doch schufen seine Eroberungszüge zuvor ungeahnte Möglichkeiten für griechische Siedler, die sich in den Städten niederließen, die von Alexander oder seinen Nachfolgern gegründet wurden. Alexander wurde als großer Kriegsheld und als Städtegründer verehrt; Porträts Alexanders wurden darum noch in späteren Zeiten aufgestellt.
 
Alexanders Auftreten und die Stilisierungnach einem bestimmten Stilideal oder −muster geformte (künstlerische) Darstellung; auf wesentliche Grundzüge reduzierte Darstellung. seiner Porträts waren ebenso neu und ungewöhnlich wie seine Laufbahn. Er war in jugendlichem Alter König geworden, so dass es nicht erstaunt, dass es Alexanderporträts gibt, die ihn als unbärtigen Jüngling zeigen. Doch änderte sich dieses Alexanderbild auch in seinen späteren Jahren nicht, obwohl Männer schon im Alter zwischen zwanzig und dreißig Jahren in der Regel als würdige Bürger mit Bart dargestellt wurden. Aber für den jungen König Alexander galten solche Regeln nicht. Er benahm sich auch nicht so zurückhaltend, wie es das IdealInbegriff der Vollkommenheit; erstrebenswertes Ziel, Wunschbild. eines bescheidenen und besonnenen jungen Mannes vorsah. Anscheinend nahm er gern eine leidenschaftliche Pose mit heftig gedrehtem Kopf und intensivem Blick ein.
 
Die erhaltenen Porträts Alexanders entsprechen den historischen Beschreibungen seiner Person. Alexander verkörperte bartlos, mit halblangem Lockenhaar, einer energischen Kopfwendung und Blick in die Ferne das Ideal des dynamischen jugendlichen Helden. Seine über der Stirn aufsteigenden Locken, auch anastolé genannt, sind ein typisches Merkmal seiner Bildnisse. Dieser gesträubte Schopf wird als Zeichen für den löwenhaften Mut Alexanders gedeutet.
 
Alexander, Typus Azara. Paris, Louvre
Zahlreiche Bildnisse Alexanders zeigen ihn als jugendlichen Helden. Die meisten sind Kopien aus römischer Zeit nach Vorbildern aus der Lebenszeit Alexanders. Ein Porträt aus der Sammlung Azara in Paris, Louvre, ist wichtig, weil es durch eine Namensaufschrift als Alexander benannt ist.
 
Dieses Porträt zeigt ihn mit dem typischen aufgesträubten Haarschopf (anastolé) über der Stirn. Sein Gesicht wirkt kantig; die Mundpartie und die zu starre Nase sind von einem modernen Restaurator ergänzt. Im Ausdruck ist das Porträt sehr zurückhaltend. Es gibt kaum etwas von der leidenschaftlichen Bewegung wieder, die für Bildnisse dieses Königs sonst charakteristisch sind. Das Porträt wurde in einer Villa bei Tivoli gefunden. Dort war es Teil einer langen Reihe von Porträts berühmter Griechen, die im 2. Jahrhundert n. Chr. errichtet wurde. Wie alle Bildnisse dieser Serie ist das Bildnis Alexanders auf den rechteckigen Schaft einer Hermeursprünglich ein griechischer Kultpfeilertypus mit vierseitigem Schaft und bärtigem Kopf des Gottes Hermes; in der römischen Kunst mit Porträtköpfen, oft auch als Doppelherme. montiert. Dabei wurde der Kopf so gedreht, dass er starr geradeaus blickt. Doch war der Kopf nicht für eine solche Aufstellung entworfen worden, sondern für eine bewegte Statue.
 
Um einen besseren Eindruck von diesem Entwurf zu bekommen, muss ein weiteres Porträt betrachtet werden, das wahrscheinlich auf dasselbe Vorbild aus der Lebenszeit Alexanders zurückgeht.
 
Bildnis Alexanders des Großen
Ein überlebensgroßer Kopf Alexanders in Istanbul kommt aus Pergamon. Pergamon war die Hauptstadt eines der Reiche in Kleinasien, die nach dem Zerfall des Alexanderreiches entstanden. Alexander wurde hier als Vorgänger der regierenden Dynastie verehrt, die auch aus Makedonien stammte.
 
Die Kunst Pergamons im 2. Jahrhundert v. Chr. bevorzugte heftig bewegte und ausdrucksstarke Skulpturen. Dieser Stil prägt auch die Darstellung Alexanders.
 
Das Gesicht dieses Porträts ist kräftig modelliert. Der Mund ist leicht geöffnet. Die kugeligen Augen liegen tief in ihren Höhlen; die Brauen sind hochgezogen. Darum bilden sich auf der Stirn Falten, die dem Gesicht einen energischen Ausdruck verleihen. Die Anlage der Frisur entspricht dem oben betrachteten Porträt in Paris, aber die Motive sind am Kopf aus Pergamon entschieden bewegter gestaltet. Der Kopf ist lebhaft gedreht. All dies ergibt die charakteristische, leidenschaftliche Heldenpose Alexanders.
 
Der Bildhauer dieses Porträts und der Bildhauer des Alexanderporträts in Paris schufen jeweils ihre eigene Version: Das Bildnis in Paris wirkt beruhigt, das in Istanbul leidenschaftlich. Wie stark diese Kopien von ihrem Vorbild aus der Lebenszeit Alexanders, dem späten 4. Jahrhundert v. Chr., abweichen, lässt sich nur schwer abschätzen. Denn das Original ist nicht erhalten.
 
Alexander, Typus Akropolis -Erbach. Athen, Akropolismus.
Alexander, Typus Akropolis - Erbach. Erbach
Zwei weitere Alexanderporträts sind offenbar genaue Kopien eines gemeinsamen Vorbilds, anders als die zuvor betrachteten Bildnisse. Weil in römischer Zeit nur von berühmten Werken mehrere Kopien angefertigt wurden, gehen wohl diese Bildnisse auf eines der berühmten Alexanderporträts zurück. Als Alexanderbildnisse sind sie am charakteristisch gesträubten Schopf über der Stirn (anastolé) zu erkennen. Der Gesichtsausdruck dieser Porträts ist nicht sehr angespannt und energisch; Alexander erscheint vor allem als schöner und sehr junger Mann.
 
Zum griechischen Ideal eines jungen Mannes zur Zeit Alexanders gehörten neben Kraft und Mut auch Mäßigung und Gelassenheit (sophrosyne). Für Alexander mag es klug gewesen sein, in Griechenland ein Porträt zu präsentieren, das diese Qualitäten ins Bild setzte − denn die Gewalttätigkeit und Macht des Kriegshelden machte dort vielen Menschen Angst.
 
Att. Grabrelief vom Ilissos. Athen, Nat. Mus. Inv. 869
Wie sehr das Alexanderbildnis bei den zuletzt betrachteten Bildnissen den Vorstellungen griechischer, vor allem athenischer Künstler und Betrachter seiner Zeit angepasst wurde, zeigt ein Vergleich mit einem Grabrelief in Athen. Das Relief wurde auf dem Grab eines jung verstorbenen Mannes errichtet. Es zeigt einen jungen und einen alten Mann sowie einen sitzenden kleinen Diener. Der junge Mann trägt eine ähnliche Frisur wie Alexander in den soeben betrachteten Porträts. Vergleichbar sind auch der Gesichtsausdruck und die Wendung des Kopfes. Der gefühlvolle Ausdruck ist Teil der heroischen CharakterisierungDarstellung einer Person mit Kennzeichen eines Helden.: Wie der heldenhafte Alexander ist der junge Mann auf dem Grabrelief nicht nur schön, sondern auch stark. Sein nackter Körper stellt kräftige Muskulatur zur Schau. Der Diener trägt außerdem Sportgeräte, die auf den Besuch in einer Palaistraim antiken Griechenland ein architektonisch gestalteter, meist von Säulenhallen umgebener Platz für die sportliche Erziehung der Jugend (besonders für Ringkämpfe). hindeuten. Neben dem jungen Mann steht sein alter Vater, der um den Verlust seines Sohnes trauert. Der Tod eines Menschen auf dem Höhepunkt seiner Jugend und Kraft galt als besonders schrecklich.
 
Alexander, Typus Azara. Paris, Louvre
Hermenbüste des Perikles
Alexander konnte in seiner Selbstdarstellung an bestehende Vorstellungen anknüpfen, die in der Zeit des Erwachsenwerdens die schönste Zeit im Leben eines Menschen sahen. Auch in der griechischen Mythologieursprünglich Bezeichnung für den Vortrag des Mythos, die Erzählung vom Handeln der Götter; später für die Gesamtheit der mythischen Überlieferungen eines Volkes sowie für die Erforschung von Mythen. geht es immer wieder um jugendliche Helden dieser Altersstufe. Doch als Könige und Feldherrn treten reife, besonnene Männer auf. Auch in der Realität des politischen Lebens wurden Reife und Erfahrung bei führenden Politikern geschätzt. Bildnisse von Staatsmännern wie Perikles zeigen sie als würdige, reife Männer mit Bart; auf militärische Qualitäten weist der Helm auf dem Kopf hin. Erst Alexander vereinigte in seiner Person erfolgreich die Rollenbilder von Kriegsheld und König.
 
Nach dem Besuch im Museum bekommst du den Auftrag, einen kurzen Artikel über Alexander d. Großen für die Schülerzeitung zu schreiben. Notiere dir schon einmal, was du darin auf jeden Fall über sein Bildnis erwähnen solltest.
 
 Sammlung  E-learning  Quellen  Literatur
 
 
 
Tonio Hölscher: Ideal und Wirklichkeit in den Bildnissen Alexanders des Großen. Universitätsverlag Winter, Heidelberg, 1971
Tonio Hölscher: Klassische Archäologie Grundwissen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2002, S. 240