Dichter
 
Wissen wurde in der Antike lange Zeit nur mündlich von einer Generation zur nächsten weitergegeben. In Erzählungen und vor allem Dichtungen, die als Gesang vorgetragen wurden, formte sich ein Bild der Welt: Geschichten von Göttern und Helden einer mythischensagenumwoben, legendär; dem Mythos bzw. der Legende angehörend. Vergangenheit prägten die Vorstellungen von Religion und Geschichte. Sie gaben außerdem Beispiele für richtiges und gottgefälliges oder falsches und frevelhaftes Verhalten von Menschen.
 
Homer, Epimenides-Typus. München, Glyptothek
Hermenbüste des Homer
Weil die traditionelleherkömmlich, überliefert; dem Brauch entsprechend. Weisheit in Gedichten übermittelt wurde, verehrte man Dichter als gvon einem Gott angeregt. Sänger. Homer war der erste und wichtigste griechische Dichter. Noch in späteren Zeiten führten Städte voller Stolz ihre Gründung und frühe Geschichte auf die Helden zurück, die in Homers Werken IliasEpos Homers, in 24 Gesängen werden Geschehnisse des Trojanischen Krieges geschildert, der Zorn Achills und der Tod Hektors. und OdysseeEpos Homers, das die zehn Jahre währende Heimfahrt des Odysseus aus dem Trojanischen Krieg nach Ithaka und seine Abenteuer schildert. auftraten. Die Bewährungsproben seiner Helden in Krieg und Frieden gaben zugleich reichen Stoff zum Nachdenken darüber, wie sich Menschen richtig verhalten sollten; sogar die Grundlagen für die späteren Naturwissenschaften sah man in Homers Versen.
 
Homers Bildnisse entstanden aus der Phantasie von Künstlern, die lange nach ihm lebten. Verschiedene Porträts zeigen ihn als blinden alten Mann. Er scheint seiner inneren Stimme zu lauschen und die Geschehnisse, die er in seiner Dichtung behandelt, in seiner Phantasie zu schauen. Diese besondere Gabe schrieb man in der Antike Blinden zu, deren göttlich inspirierte VisionenErscheinungen; Traumbilder; Zukunftsentwürfe. von keinen äußeren Eindrücken gestört werden konnten. Die Bildnisse Homers entsprechen dieser Vorstellung vom "blinden Seher".
 
Sog. Menanderrelief
In der Antike galt jede Art von geistiger Tätigkeit als göttliche Gabe, die v.a. von den Musen vermittelt wurde. Darum wurden antike Dichter oft zusammen mit Musenbei den Griechen die Schutzgöttinnen der Künste und des geistigen Lebens; ursprünglich wohl 3, später 9 Nymphen im Gefolge des Apollon. dargestellt. Ein Beispiel für diese Art der Darstellung ist das Menander-Relief: Hier wird Menander heroisiertals Held nach dem Tode kultisch verehrt. und mit nacktem Oberkörper zusammen mit Muse und Schauspielermaske bei seiner geistigen Arbeit, also beim Dichten einer Komödie dargestellt. Dafür stehen im Bild Theatermaske und Muse, außerdem die Weihgeschenke für die Musen und die Schriftrolle. Die im ReliefSkulptur auf einem flachen Hintergrund, z.B. auf einer Münze. dargestellte Muse kommt aus einem Tempel, wohl einem "MouseionMusentempel oder Heiligtum der Musen, oft auch mit einer Einrichtung für Wissenschaft, Forschung oder Literatur verbunden, ähnlich heutigen Universitäten.".
 
Als Bereich der Musen war das Mouseion − das später namengebend für unser Museum wurde − ein Ort wissenschaftlicher und dichterischer Tätigkeit. Diese Musenheiligtümer gehörten zum Musenkult, so dass sich um manch ein Mouseion als Zentrum Schulen bildeten. Dort wurde geforscht und gelehrt; sie sind mit heutigen Universitäten vergleichbar.
 
Archelaos-Relief. London, Brit. Mus.
Der Kultan feste Vollzugsformen gebundene Religionsausübung. der Musen konnte mit dem Kult besonders verehrter Dichter verbunden werden. Dies verdeutlicht ein Relief, welches die ApotheoseVergöttlichung eines Menschen. des Dichters Homer wiedergibt − eine Ehrung Homers durch Götter und Personifikationen(Personifizierung), die Darstellung von abstrakten Begriffen oder Naturerscheinungen in menschlicher Gestalt, z.B. Nike oder Victoria als Bezeichnung für Sieg und Siegesgöttin., die durch Beischriften benannt sind. Homer thront hier im untersten Bildabschnitt; neben ihm kauern u.a. die Personifikationen von Ilias und Odyssee. Ein Opferaltar im Bild weist darauf hin, dass Homer wegen seiner Dichtkunst göttliche Verehrung genoss. Im oberen Bereich des Reliefs erhebt sich eine Berglandschaft, auf deren Spitze Zeusin der griechischen Mythologie der höchste Gott der Griechen, Sohn des Kronos und der Rhea, Bruder und Gemahl der Hera; gilt als Herrscher über Himmel und Erde und Urheber von Blitz und Donner. thront; weiter unten steht Apollongriechischer Gott, wahrscheinlich kleinasiatischer Herkunft; galt als Sohn des Zeus und der Leto, sowie als Zwillingsbruder der Artemis. Meist als strahlend schöner jugendlicher Gott dargestellt, als Jäger oder Kitharaspieler. Apoll vertritt Recht, Ordnung und Frieden, ihm untersteht u.a. das Orakel von Delphi. mit der Leier. Die beiden Götter sind von Musen umgeben; die Musen werden von ihrer Mutter Mnemosynegriech. Göttin des Gedächtnisses, Mutter der Musen., die vor Zeus steht, angeführt.
 
Du gibst einem antiken Bildhauer den Auftrag, ein Porträt des Dichters Homer herzustellen. Schreibe dem Künstler auf, welche Merkmale das Porträt auf jeden Fall aufweisen muss, damit es sofort als Dichterporträt zu erkennen ist.
 
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Tonio Hölscher: Klassische Archäologie Grundwissen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2002, S. 243f.