Rollenbilder
 
Die verschiedenen Rollen, die Männer und Frauen in der Gesellschaft spielten, drücken sich auch in ihren Porträts aus.
 
Att. Grabrelief der Hegeso. Athen, Nat. Mus. Inv. 3624
Wie die gesellschaftliche Rolle der Frau als Herrin des Hauses ins Bild übertragen wurde, kann man am Grabrelief der Hegeso aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. sehen: Das Bild zeigt eine sitzende Frau. Die Inschrift nennt ihren Namen: "Hegeso". Sie sitzt auf einem Stuhl mit elegant geschwungener Lehne; ihre Füße ruhen auf einem Schemel. Sie trägt ein langes Gewand und einen Mantel. Außerdem bedeckt ein dünner Schleier ihren Hinterkopf und fällt über die Schultern. Diese Kleidung kennzeichnet sie als vornehme Dame. Vor ihr steht links eine Frau, die ihr ein Schmuckkästchen reicht. Sie ist durch ihr einfacheres Gewand als Dienerin gekennzeichnet. Sitzend ist Hegeso fast ebenso groß dargestellt, wie die vor ihr stehende Dienerin. Die unterschiedliche Größe der beiden Frauen steht nicht für die wirklichen Größenverhältnisse, sondern soll auf eine Rangabstufung hindeuten. So wurden in der Antike Sklaven und Sklavinnen häufig kleiner dargestellt, um ihre niedrige gesellschaftliche Stellung im Bild auszudrücken.
 
In ihrer Rolle als Herrin des Hauses hat Hegeso das Recht, auf einem Lehnstuhl mit Fußschemel zu sitzen − ähnlich wie ein König in seinem Thronsaal. Die Darstellung im Sitzen war in der Antike ein Vorrecht für ehrbare Frauen, die es sich leisten konnten, das Haus nicht zu verlassen; ihre Dienerschaft nahm ihnen die Besorgungen außer Haus ab. Diese Frauen sollten jeden Auftritt in der Öffentlichkeit vermeiden, um keinen Anlass für öffentliche Aufmerksamkeit und Gerede zu bieten. Schmuck sollte die Schönheit einer Frau hervorheben, darum ist das Schmuckkästchen ins Bild gebracht worden.
 
Darstellungen von Frauen als Herrin des Hauses waren in der Antike verbreitet, denn sie veranschaulichten das IdealInbegriff der Vollkommenheit; erstrebenswertes Ziel, Wunschbild. eines weiblichen Rollenbildes. Sie zeigten die Frau, die im Haus blieb, um sich um Haushalt, Familie und Dienerschaft zu kümmern. Von Männern wurde das nicht erwartet.
 
Diskobol des Myron. Rom, Mus. Naz.
Diadumenos des Polyklet. London, Brit. Mus.
Athleten verkörperten ein männliches Ideal von Schönheit und Erfolg. Athletenbildnisse waren zuerst bei den Griechen verbreitet, wurden aber später auch von den Römern zahlreich kopiert. Zwei Beispiele für Athletenbildnisse aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. sind der Diskuswerfer und der Diadumenos:
 
Der Diskuswerfer ist in der Situation vor dem Wurf dargestellt. Seine Sehnen und Muskeln lassen eine große Anspannung des Körpers erkennen. Dem Gesicht ist diese Spannung jedoch nicht anzusehen. Ein weiteres Verhaltensideal verbot es nämlich, übermäßige Leidenschaft zu zeigen.
 
Während der Diskuswerfer bei der Durchführung seiner Sportart dargestellt ist, zeigt die Statue des Diadumenos den Sportler beim Umlegen der Siegerbinde. Sie wurde einem Athleten in der Antike nach dem Sieg im Wettkampf verliehen. Die Arme des Diadumenos sind erhoben, um die Siegerbinde um den Kopf zu winden. Auch er demonstriert in seiner ruhigen Haltung bei der Siegerehrung seine vorbildliche Mäßigung und Bescheidenheit.
 
Beide Bildnisse sind Siegerstatuen: Sie wurden für einen Sieg in einem sportlichen Wettkampf errichtet, etwa bei den Spielen in Olympia oder Delphi. Beide Athleten sind nackt dargestellt, wie es bei Wettkämpfen in der Antike üblich war. Die Siegerstatuen zeigen den perfekt durchtrainierten männlichen Körper. Für Frauen gab es kein vergleichbares Rollenbild.
 
Aischines. Neapel, Mus. Naz.
Flavius Palmatus. Aphrodisias
Die gesellschaftliche Hauptrolle des Mannes in der Antike war die des guten Bürgers, der sich nach Kräften für seine Stadt und seine Mitbürger einsetzte. Wer sich als Politiker oder Stifter besonders ausgezeichnet hatte, wurde in der Regel mit einer PortrStandbild einer Person in ganzer Gestalt. geehrt.
 
Der Redner Aischines spielte in der Politik der Stadt Athen im 4. Jahrhundert v. Chr. eine führende Rolle. Darum wurde ihm eine Statue errichtet, die ihn als vorbildlichen Bürger zeigt. Er ist korrekt in seinen Mantel eingewickelt, nur die Hand schaut ein wenig heraus. Sein Gesichtsausdruck ist entspannt und freundlich. In den heftigen Auseinandersetzungen zwischen den gegnerischen Parteien Athens war diese Pose eines überlegen wirkenden Staatsmannes wohl nur schwer durchzuhalten.
 
Noch ein spätantikes Beispiel für die Darstellung eines Mannes in der Rolle des Bürgers ist die Statue des Flavius Palmatus aus dem 5. Jahrhundert n. Chr.: Sie zeigt ihn in der typischen Tracht des römischen Bürgers, der TogaObergewand des freien römischen Bürgers; die rechte Schulter blieb beim in Falten legen des Tuchs (ein Kreissegment von gut 3m Länge) frei; in der Kaiserzeit offizielles Staats- und Festgewand.. Nur römische Bürger waren berechtigt, die Toga zu tragen; sie waren sogar verpflichtet, sie bei offiziellen Anlässen anzulegen. Auf einen solchen Anlass deutet das Tuch in der rechten Hand der Statue hin: Durch Winken mit einem solchen Tuch wurde das Signal zu Spielen und Wettkämpfen gegeben. Es gehörte zu den Pflichten von hohen Amtsträgern, solche Spiele für das Volk zu organisieren und aus dem eigenen Vermögen zu bezahlen.
 
Da Frauen in der Antike keine politischen Ämter bekleiden konnten, blieben ihnen auch die damit verbundenen Ehrungen verwehrt.
 
Homer, Epimenides-Typus. München, Glyptothek
Menander. Rekonstruktion Göttingen
 
Epikur. Rekonstruktion Göttingen
Metrodor. Rekonstruktion Göttingen
 
Ältere Männer galten in der antiken Gesellschaft als erfahren und weise. Die Darstellung des Mannes in der Rolle des Weisen findet sich daher auch oft in antiken Männerbildnissen wieder.
 
Besonders die zahlreichen überlieferten Dichter- und Philosophenporträts zeugen davon, wie das Rollenbild des weisen Mannes ins Bild gesetzt wurde:
 
− Das Porträt des Dichters Homer zeigt ihn als blinden, alten Mann. Er scheint seiner inneren Stimme zu lauschen und die Geschehnisse, die er in seiner Dichtung behandelt, in seiner Phantasie zu schauen. Diese besondere Gabe schrieb man in der Antike Blinden zu, deren gvon einem Gott angeregt. VisionenErscheinungen; Traumbilder; Zukunftsentwürfe. von keinen äußeren Eindrücken gestört werden konnten. Die Bildnisse Homers entsprechen dieser Vorstellung vom "blinden Seher".
− Die Porträtstatue des Menander zeigt den Dichter entspannt sitzend und mit gesenktem Kopf. Er ist mit einem Untergewand und einem Mantel bekleidet. Der Mantel ist elegant in Falten um seinen Körper gelegt. Sein Gesichtsausdruck ist nachdenklich und für den bekanntesten Komödiendichter der Antike bemerkenswert ernst. Menanders Gesicht ist glattrasiert; er folgt damit der neuesten Mode seiner Zeit, denn erwachsene Männer trugen in der Zeit vor Alexander d. Großen normalerweise einen Bart.
− Epikur und Metrodor sitzen ruhig und würdig auf ihrem jeweiligen Sitzmöbel. Epikur sitzt auf einem Thron, Metrodor auf einem Lehnstuhl. Beide tragen ähnlich lockige Frisuren und Bärte. Beide Philosophen sind in ihren Mantel gehüllt, der sorgfältig in Falten um ihren Körper gelegt ist. Eins ihrer Beine ist jeweils aktiv zurückgesetzt und das andere entspannt vorgestellt. Auf dem Schoß halten beide eine Schriftrolle. Die Bildnisse Epikurs und Metrodors sehen einander zum Verwechseln ähnlich, weisen jedoch auch deutliche Unterschiede auf. So sollen die unterschiedlichen Sitzmöbel z.B. die Rangordnung zwischen Lehrer und Schüler verdeutlichen. Auch für die Ähnlichkeit der Bildnisse gibt es eine Erklärung: Die Statuen der unmittelbaren Schüler und Nachfolger Epikurs in der Leitung der Philosophenschule sind eng an sein Bildnis als Schulgründer angeglichen. Die Zugehörigkeit zur epikurantike Philosophenschule, die auf Epikur zurückgeht; die Epikuräer lebten nach dem Vorbild Epikurs, der lehrte, die materiellen Freuden des Daseins unbedenklich zu genießen. drückte sich auch in Tracht und Haltung aus; so unterscheiden sich die Anhänger Epikurs von den Anhängern anderer Schulrichtungen.
 
Die Darstellung dieser Philosophen im Porträt erweckt den Eindruck, dass das Denken sie nicht sonderlich anstrengte; sie scheinen in ruhige, tiefe Konzentration versunken zu sein. Die Bildform der sitzenden Philosophen begegnet uns bei den EpikurVertreter der Lehre des griechischen Philosophen Epikur; später: jemand, der die materiellen Freuden des Daseins unbedenklich genießt. zum ersten Mal. Sie wurde in antiken Männerporträts vielfach kopiert und taucht bis heute in Bildern von Gelehrten auf: So lassen sich Schriftsteller und Wissenschaftler immer noch häufig sitzend, schreibend oder mit einem Buch in den Händen porträtieren.Das Rollenbild des Weisen blieb in der Antike den Männern vorbehalten, da Weisheit nicht als rühmenswerter Charakterzug von Frauen galt. Darum finden sich auch keine antiken Porträts von gelehrten Frauen, sondern lediglich von weisen Männern.
 
Chares von Teichiussa. London, Brit. Mus.
'Kalbträger'. Athen, Akropolismus.
Togastatue des Augustus. Korinth
 
Auch die Rolle des Priesters war für Männer in der Antike weit verbreitet. Davon zeugen zahlreiche antike Männerporträts in dieser Rolle. Doch blieb das Rollenbild des Priesters nicht nur Männern vorbehalten. Auch Frauen konnten in der Rolle der Priesterin auftreten.
 
Schauen wir uns zunächst einige Porträts an, die Männer in der Rolle des Priesters zeigen:
 
− Der Priester Chares von Teichiussa ist in einer überlebensgroßen Statue aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. dargestellt. Er trägt einen Mantel und sitzt auf einem Thron. An seiner Statue ist eine Inschrift angebracht, die lautet: "Ich bin Chares, der Sohn des Klesios, Herrscher von Teichiussa. Die Statue ist dem Apollongriechischer Gott, wahrscheinlich kleinasiatischer Herkunft; galt als Sohn des Zeus und der Leto, sowie als Zwillingsbruder der Artemis. Meist als strahlend schöner jugendlicher Gott dargestellt, als Jäger oder Kitharaspieler. Apoll vertritt Recht, Ordnung und Frieden, ihm untersteht u.a. das Orakel von Delphi. geweiht". Das Bildnis gehörte zu einer Reihe von lebens- bzw. überlebensgroßen Marmorstatuen von thronenden Männern und Frauen. Sie waren ursprünglich entlang der heiligen Straße nach Didyma aufgestellt, als Weihungen von Adligen und Herrschern aus der Umgebung um Didyma. Nur solche Leute erhielten die Ehre, Priester des Apollon zu werden.
− Der Kalbträger ist die Figur eines bärtigen Mannes, der auf den Schultern ein Kalb als Opfertier trägt. Auf der Basis dieser Statue aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. steht die Inschrift "Rhombos, Sohn des Palos". Damit ist der Stifter der Statue gemeint. Die Figur des Kalbträgers war ursprünglich als Weihgeschenk auf der Akropolis von Athen aufgestellt. Das Original wurde zerstört; die Bruchstücke weisen noch Reste der für antike Skulpturen üblichen Bemalung auf. Die kostbare Weihung lässt darauf schließen, dass der Stifter ein athenischer Adeliger war, der die Statue eines Opferträgers auf der Akropolis weihte. Es ist heute nicht mehr zu entscheiden, ob in der Figur das Idealbildin der bildenden Kunst: Bilder von vollkommener Schönheit, ohne Makel. eines Opfernden oder der opfernde Stifter selbst zu sehen ist.
− Eine Statue des Augustus in Korinth aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. zeigt den Kaiser mit einer Toga bekleidet, die er über den Kopf gezogen trägt. Das Bedecken des Kopfes war einem Römer vorgeschrieben, wenn er bestimmten Gottheiten Opfer brachte oder andere Ritenreligiöse Festbräuche in Worten, Gesten und Handlungen. vollzog. Die Togastatue des Augustus stellt den Kaiser also als traditionsbewussten Römer dar, der herkömmliche Verhaltensnormen aus der Zeit der römischen Republik noch immer achtet, und der als Priester seine Pflicht den Göttern gegenüber erfüllt. Die Darstellung des Augustus mit Toga weist zudem auf sein Amt als oberster Priester Roms (pontifex maximus) hin.
 
Weihrelief an Asklepios. Athen, Nat. Mus.
Auf einem ReliefSkulptur auf einem flachen Hintergrund, z.B. auf einer Münze., das Asklepiosgriechischer Gott der Heilkunde, wohl ursprünglich in Schlangengestalt verehrt; daher sein Schlangenstab; in Rom als Äskulap verehrt. geweiht war, ist eine Szene aus dem Kultan feste Vollzugsformen gebundene Religionsausübung. des Gottes dargestellt; es ist heute nur noch als Bruchstück erhalten. Auf der linken Seite des Reliefs sind an der Bruchkante noch die Beine und Hände des sitzenden Asklepios, des Gottes der Heilkunde, zu erkennen. Attributecharakteristische Merkmale; Kennzeichen. des Asklepios sind Stock und Schlange. Vor ihm steht seine Tochter Hygieiagriechische Göttin der Gesundheit; Tochter des Asklepios.. Von rechts nähert sich eine sehr viel kleiner dargestellte 6-köpfige Familie. Sie will wohl auf einem Altar, der sich vor Asklepios und seiner Tochter befindet, Opfer darbringen. Der Familie voran geht ein Sklave mit dem Opfertier, einem Schaf. Das Weihrelief zeigt die Verehrung des Gottes der Heilkunde. Es wurde im Heiligtum des Asklepios in Athen gefunden. Solche Reliefs wurden zum Dank für erhörte Gebete und Heilung durch den Gott gestiftet.
 
Attisches Urkundenrelief: Athena Parthenos und Priesterin
Livia-Kameo
 
Andere Reliefs zeigen Frauen als Priesterinnen:
 
− Offizielle Urkunden wurden in Athen auf Marmortafeln eingemeißelt, die mit Reliefs geschmückt und öffentlich aufgestellt wurden. Die Szene auf einem solchen Urkundenrelief aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. zeigt die Göttin Athene, begleitet von der Siegesgöttin Nike. Vor ihr steht eine Priesterin, die viel kleiner dargestellt ist als die Göttin. Die unterschiedliche Größe der Figuren im Bild deutet in der antiken Kunst Rangunterschiede an. So wird die Priesterin in kleinerem Format gezeigt, um ihre niedrigere Stellung gegenüber der Göttin im Bild auszudrücken. Frauen, die sich als Priesterin Verdienste erwarben, konnten also in dieser Rolle geehrt werden.
− Ein Kameokostbares Schmuckstück aus geschnittenem Halbedelstein (mit erhabener figürlicher Darstellung). aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. ist ein besonders kostbares Bild einer Priesterin. Livia, die Witwe des Kaisers Augustus, wird als Priesterin ihres verstorbenen und unter die Götter erhobenen Mannes gezeigt. Auf einem Thron sitzend hält sie eine kleine Büste des Augustus in der rechten Hand. Sie trägt ein Gewand, das leicht von der Schulter gleitet. Doch Livia wird nicht nur als Priesterin des göttlichen Augustus gezeigt, sondern trägt sogar selbst die Attribute einer Göttin: Ähren, TympanonGiebelfeld des antiken Tempels; auch Bogenfeld über dem Türsturz romanischer und gotischer Kirchenportale. und das Diadem mit Mauerzinnen gleichen sie den Göttinnen Ceresrömische Göttin der Feldfrucht bzw. des Ackerbaus. und Magna Mater[lat. "Große Mutter"], Beiname der Göttin Kybele im Mittelmeer; sie galt als Spenderin von Leben und Fruchtbarkeit, und wurde daher als Muttergottheit der Natur, der Götter, Menschen und Tiere verehrt. Ihr Kult (in Rom Staatskult ab 204 v. Chr.) trug orgienähnliche Züge. an. Das von der Schulter gleitende Gewand ist als Anspielung auf die Göttin Venusrömische Göttin der Liebe, mit der griechischen Aphrodite gleichgesetzt. zu verstehen.
 
Für die Existenz von Darstellungen sowohl von Priestern als auch von Priesterinnen gibt es eine einfache Erklärung: Weibliche Gottheiten verlangten für ihre Kulte meist nach Priesterinnen, männliche Gottheiten ließen dagegen nur Priester zu. Zu den Göttinnen, die keine Männer als Priester zuließen, gehörte u.a. Athenein der griechischen Mythologie die Lieblingstochter des Zeus; sie entsprang mit Helm und Brustpanzer dem väterlichen Haupt, dem Sitz des göttlichen Denkens und weisen Rates. Sie förderte die sinnvolle Arbeit des Friedens; Kunst und Wissenschaft standen unter ihrem Schutz. Als jungfräuliche Kriegerin unterstützte sie den besonnenen Kampf..
 
Grabrelief des Dexileos. Athen, Kerameikosmus. Inv. P1130
Grabrelief der Malthake
Männer sollten in der Gesellschaft der Antike tapfer und siegreich sein. Deshalb wurden sie oft in der Rolle des Kriegers dargestellt. Besonders ruhmreich war der Tod in der Schlacht. Solche Helden ehrte man mit einem besonderen Grabmal. Ein Beispiel dafür ist das Dexileos-Relief: Es zeigt den Reiterkrieger Dexileos auf seinem Pferd, wie er einen Gegner mit seiner Lanze niedersticht. Dexileos wurde 394 v. Chr. in einer Schlacht bei Korinth getötet; das Relief zeigt ihn dagegen als Sieger.
 
Wie bei Männern der Heldentod in der Schlacht, war bei Frauen der Tod im Kindbett Anlass für besondere Ehren. Ein Beispiel dafür ist das Grabrelief der Malthake aus dem 4. Jahrhundert v. Chr.: Es zeigt zwei Frauen. Eine der beiden lehnt sich auf einem Bett zurück. Sie wird von der kleineren Frau hinter ihr gestützt. Schon an ihrer Größe und Stellung ist diese zweite Frau als Dienerin zu erkennen. Die Frau auf dem Bett ist die Hauptperson; die Inschrift nennt ihren Namen: "Malthake". Sie sinkt offenbar leidend und entkräftet auf ihr Kissen zurück; ihr linker Arm hängt herab, der rechte wird von der Dienerin gestützt. Über dem Bauch wirft der Mantel dicke Falten. Damit soll angedeutet werden, dass es sich um die Darstellung einer schwangeren Frau handelt, die in den Wehen liegt. Ähnliche Grabdenkmäler sind gelegentlich mit Inschriften verbunden, die berichten, dass die darunter begrabenen Frauen während der Geburt eines Kindes oder kurz danach starben. Dieser Tod galt in der Antike als besonders tragisch und wird in vielen Grabgedichten beklagt. Häufig starb auch das Neugeborene, so dass zwei Tote zu beklagen waren. Überlebte das Kind, war der Verlust seiner Mutter ein weiterer Grund zur Trauer.
 
In der Antike starben viele Frauen während einer Entbindung oder im Kindbett; jede Schwangerschaft war ein lebensbedrohliches Risiko. Die Gefahren des Kindbettes und die Schmerzen der Frauen wurden in der Antike mit den Mühen und Gefahren des Krieges verglichen. So wie Männer im Krieg ihre Leistung in der Verteidigung von Familie und Staat erbrachten, so erfüllten Frauen mit dem Gebären von Kindern ihre Pflicht zum Fortbestand von Familie und Staat. Beides war mit Schmerzen und Gefahr verbunden und beides war unumgängliche Pflicht.
 
Weihrelief an Asklepios. Athen, Nat. Mus.
Die Rolle der Frauen als Mütter und die der Männer als Väter ist auch sonst Thema zahlreicher Darstellungen, z.B. in dem schon betrachteten Bild einer Familie auf einem Weihrelief an Asklepios. Die Frauen halten sich hinter den Männern zurück, wie es von ihnen in der Öffentlichkeit erwartet wurde.
 
Relief von Grabbau. Dresden
Frauen aus den unteren Schichten der Bevölkerung konnten sich vornehme Zurückgezogenheit im Haus nicht leisten. Selbstbewusst nahmen sie in römischer Zeit am Arbeitsleben teil. Ein Beispiel für die Rollenverteilung in einem Familienbetrieb ist ein römisches Grabrelief mit einem Fleischerladen. Ein Metzger und seine Frau sind dargestellt. Der Metzger ist mit Tunicaein aus zwei Teilen genähtes, gegürtetes Gewand der römischen Männer und Frauen; mit kurzen Ärmeln, etwa knielang. und Schuhen bekleidet; er zerkleinert auf einem dreibeinigen Hackklotz das Rippenstück eines Tieres mit einem Hackmesser. Links von dem Hackklotz steht eine Schüssel am Boden. Hinter dem Mann steht ein Gestell; daran hängen verschiedene Fleischstücke, z.B. ein Schweinekopf, Innereien, Schweinebauch, Schweinsknöchelchen, Keule und ein weiteres Rippenstück. Weiter rechts hängen noch ein zweites Hackmesser und eine Waage. Die Frau des Metzgers sitzt ihm gegenüber auf einem großen, bequemen Sessel mit Fußbank. Über der Ärmeltunica trägt die Frau einen Mantel; ihr Haar ist sorgfältig nach der Mode des 2. Jahrhunderts n. Chr. frisiert. Sie schreibt in ein PolyptychonBezeichnung für eine aus mehr als drei Teilen bestehende zusammenklappbare Schreibtafel des Altertums.; solche Schreibtäfelchen wurden für die Buchführung verwendet.
 
Stolz präsentiert das Metzgerpaar seine Arbeit und deren Produkte. Doch während der Mann sein Geschick in der Metzgerei zur Schau stellt, hält sich die Frau noch an das alte Bild der Herrin des Hauses. Dazu gehört der Sessel mit Fußschemel. Auch die Rolle als Buchhalterin scheint aus der weiblichen Rolle der Verwalterin des Hauses und seiner Vorräte entwickelt.
 
Lies den folgenden Ausspruch des antiken Schriftstellers Diogenes Laertios und diskutiere mit deinem Banknachbarn darüber, welche Gründe er für seine Aussagen gehabt haben könnte:
 
"Ich habe drei Gründe, dem Geschick dankbar zu sein:
 
dass ich ein Mensch bin und kein Tier,
 
ein Mann und keine Frau, ein Grieche und kein Barbar"
 
(Diogenes Laertios, 1,33).
 
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