Porträts umgeben uns heute überall, z.B.:
 
− Denkmäler berühmter Menschen an öffentlichen Orten
 
− Plakate und Bilder von Politikern und Prominenten in den Medien
 
− Briefmarken und Münzen mit Bildern von Monarchen, Politikern u.a.
 
− Fotos von Familie und Freunden in der Wohnung
 
− Ausweisfotos und Steckbriefe
 
Alle diese Porträts entsprechen unseren heutigen Erwartungen an ein Porträt:
 
− Sie zeigen das Gesicht des Menschen.
 
− Sie zeigen einen bestimmten Menschen, der lebt oder gelebt hat.
 
− Sie sind dem dargestellten Menschen ähnlich.
 
− Sie teilen etwas über Persönlichkeit und Charakter mit.
 
Diese Eigenschaften von Porträts scheinen heute selbstverständlich. Seit der Erfindung der Fotografie ist es leicht, unsere Erwartungen an das Aussehen von Porträts zu erfüllen.
 
Collage moderner Porträts
 
Doch in der Antike gab es keine Fotografie. Porträts kannten die Menschen der Antike nur in Form von Gemälden und Skulpturen. Über die Jahrhunderte sind fast alle Gemälde zerstört worden; übrig blieben Porträts in Stein und Metall.
 
Die Sammlung des Archäologischen Instituts in Göttingen besitzt viele Gipsabgüsse von solchen Porträts. Sie stellen Menschen dar, die in der Zeit vom 8. Jahrhundert v. Chr. bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. lebten. Wen diese Bildnisse darstellen, erfahren wir meist aus Inschriften.
 
Ramses II. Turin
Marc Aurel, Typus 4. Rom, Musei Capitol.
Aristoteles. Wien, Kunsthist. Mus.
Grabstatue des Aristo- dikos. Athen, Nat. Mus.
 
Betrachtet man die lange Reihe von Skulpturen, die in ihrer Entstehungszeit als Porträts, d.h. als Darstellung bestimmter Individuen angesehen wurden, fällt auf, dass unsere Maßstäbe für Porträts hier nicht gelten.
 
− "Ähnlichkeit" in unserem Sinne war lange Zeit kein erwünschtes Merkmal von Porträts.
 
− Individuelle Porträts sind die Ausnahme, besonders bei Frauen.
 
− In manchen Zeiten ist der Körper einer Porträtfigur genauso wichtig wie der Kopf, in anderen genügt ein Kopfporträt allein, oder die Köpfe von Statuen können sogar ausgetauscht werden.
 
− Es gibt Porträts, die von Künstlern geschaffen wurden, die den betreffenden Menschen nie gesehen hatten, z.B. weil er schon lange tot war.
 
Bei der Beschäftigung mit Porträts erfahren wir viel darüber, wie sich Menschen in verschiedenen Epochen selbst sahen und wie sie von anderen gesehen wurden. Die Merkmale eines Menschen, die an seinem Porträt besonders hervorgehoben werden, verraten einiges über die Wertvorstellungen, Schönheitsideale und Moden seiner Zeit.
 
Auch wenn wir vor antiken Porträts den Dargestellten nicht "Auge in Auge, wie sie wirklich waren" gegenüberstehen, teilen sie uns doch mit, was in der Antike wichtig genug schien, um für die Zeitgenossen und die Nachwelt im Bild festgehalten zu werden. Sie sagen mehr als Texte allein.